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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Räuber & Landstraßen · Frankreich

Die drei Stiche aus blauem Garn

Ein Flüchtiger will bei einer Schneiderin ein Wams erstehen. Sie erkennt das Gewand, das er am Leibe trägt: Die drei Stiche im Ärmelaufschlag waren ihr eigenes Werk.

— Wendet den Ärmel, sprach die Schneiderin.

Gaspard rührte sich nicht. Er hatte nach einem Gewande verlangt; diese Frau forderte eine Gebärde von ihm. Der Unterschied schien geringfügig, und doch veränderte er alles. Bis zu diesem Augenblick hatte er geglaubt, ein Haus zu betreten, in dem das Geld sein gewohntes Werk verrichten würde: Man wiese eine Münze vor, trüge eine Ware hinweg, und ein jeder behielte sein Urteil über den andern für sich. Nun aber heftete die Schneiderin ihren Blick auf sein Handgelenk, als erblickte sie dort ein bekanntes Gesicht.

Er war durch den Hof gekommen, nachdem der Laden längst geschlossen war. Eine Kundin habe ihn an Madeleine gewiesen, so beteuerte er. Er bedürfe eines unauffälligeren Rocks, eines Zeugs, das den Staub ertrüge, ohne sogleich zu verraten, dass es über sämtliche Landstraßen der Provence geschleppt worden war. Noch vor Tagesanbruch wolle er weiter. Madeleine hatte die Lampe zwischen sie gestellt. Sie flickte Risse, kürzte Ärmel, wendete Futterstoffe; von ihr erwartete niemand, dass sie hastige Herren einkleidete, deren Namen kein Mensch je vernommen hatte.

— Diese Naht da, begann sie von neuem. Zeigt sie mir.

Endlich gehorchte er. An der Innenseite des Handgelenks hielten drei Stiche aus blauem Garn einen Flicken Leinwand fest. Madeleine strich mit dem Finger darüber. Sie brauchte den zweiten Ärmel gar nicht erst zu sehen. Im Frühjahr hatte ihre Schwester ihr eben diesen Rock gebracht: Ihr Mann wetzte stets denselben Ellbogen durch, wenn er den Karren trieb. Es hatte an Futterstoff gefehlt; Madeleine hatte einen Rest von dem Hemde ihres Knaben genommen. Bisweilen erkennt man sein eigenes Werk mit minderer Freude wieder als seine Kinder.

— Woher habt Ihr ihn gekauft?

— Ein Mann hat ihn mir überlassen.

— Welcher?

Gaspard zog den Arm zurück. Die Lampe erhellte die untere Hälfte seines Antlitzes; er wirkte noch jünger, wenn er nicht lächelte. Er hatte seinen Namen nicht genannt, doch Madeleine war die Kunde von einem Gefangenen zu Ohren gekommen, der aus Draguignan entsprungen war. In den Dörfern verbreitet sich die Nachricht von einer Flucht mit einem Eifer, der fast wie Dankbarkeit anmutet: Ein anderer hat ein Tor aufgestoßen, und für einen kurzen Atemzug fühlt sich jeder Einzelne minder eng in sein eigenes Dasein eingekerkert.

Auch sie hatte gelacht, als sie davon vernahm. Ihre Schwester lachte nicht mehr, seit man ihren Mann auf freier Straße angehalten und ihm alles abgenommen hatte, was er heimbrachte. Das Wams war mit dem Rest verschwunden. Tags darauf hatte er sich eine Jacke borgen müssen, um wieder ans Tagwerk zu gehen; lieber wollte er für liederlich gelten, als peinliche Fragen beantworten zu müssen.

Madeleine schob die Lampe beiseite und zog ein graues Kleidungsstück aus einer Truhe. Der Fremde streckte die Hand aus.

— Wie viel?

Sie faltete es wieder zusammen.

— Wollt Ihr es nicht anprobieren?

— Ich werde schon hineinpassen.

Diesmal lächelte sie ohne jede Heiterkeit. Er verstand es, in ein Kleid zu schlüpfen, aus einem Kerker zu entkommen, durch einen Hinterhof heranzuschleichen. Bei solchen Männern geriet alles zu einer bloßen Durchreise. Was sie hinter sich zurückließen, fiel jenen zur Last, die ausharren mussten.

Eine Tür knarrte auf der Treppe. Madeleine wandte den Kopf, ehe sie sich dessen erwehren konnte. Ihr Sohn stieg bisweilen herab, um Wasser zu holen. Sie lauschte auf das Geräusch seiner Tritte; es blieb aus. Auch Gaspard hatte hinaufgeblickt. Von jenem Augenblick an stand das obere Stockwerk zwischen ihnen, beladen mit allem, was sie nicht in Worte fassen wollte.

— Ihr fürchtet Euch vor mir, sprach er.

— Ich habe morgen viel zu schaffen.

Er schien sie nicht zu verstehen. Sie griff nach einer Schere, nicht um ihn zu bedrohen, sondern um einen Saum zu vollenden, der auf dem Tische liegen geblieben war. Sie hätte gewollt, dass ihre Hände nicht zitterten. Zweimal glitt der Faden am Nadelöhr vorbei; da legte sie die Nadel nieder. Dieses misslungene Beginnen beschämte sie tiefer als ihre Furcht.

Gaspard zog etliche Münzen aus der Tasche. Madeleine zählte sie nicht. Das Geld schien ihr noch die Wärme all jener Hände zu bewahren, denen es nun bitter fehlte. Und doch bedurfte sie seiner. Ihre Truhe barg weit mehr Stücke, die zurückzugeben waren, als solche, die zum Verkaufe standen, und das graue Gewand gehörte einem Kunden, der es in zwei Tagen abzuholen gedachte.

— Jenes da gehört mir nicht.

— Dann schafft ein anderes herbei.

— Glaubt Ihr denn, alles, was hier liegt, stünde in meinem Eigentum?

Nun erst musterte er die Werkstatt: die fest in Leinentücher gebundenen Bündel, die auf kleinen Zetteln verzeichneten Namen, die an einem Nagel hängenden Ärmel. Madeleine empfand die flüchtige Genugtuung, ihm eine Welt vor Augen zu führen, in der die Schlüsselgewalt keineswegs das Besitzen der Güter bedeutete. Wohl vermochte sie jede Truhe zu öffnen; doch hätte sie für jeden einzelnen Faden Rechenschaft ablegen müssen.

Draußen rief eine Stimme nach einem Nachbarn. Gaspard erhob sich. Er machte keine Bewegung auf sie zu, doch hatte er seinen Platz gewechselt, und dieser Platz befand sich nun zwischen dem Tisch und der Treppentür. Madeleine legte beide Hände flach auf das Holz.

— Mein Sohn schläft, sagte sie.

Die Stimme verhallte auf der Gasse. Man vernahm ein Lachen, dann das Schlagen eines Torflügels. Gaspard verharrte noch etliche Sekunden aufrecht. Als er an die Lampe zurücktrat, hatte Madeleine begriffen, was sie zu tun hatte: ihm das Mittel zu geben, damit er aufbreche. Sie würde nicht mit einem Manne rechten, dessen Seelenruhe von jedem Tritte abhing, der jenseits der Wände ertönte.

Sie ging, eine alte Jacke zu holen. Diese gehörte ihr wahrhaftig; ihr Mann hatte sie beim Sterben hinterlassen. Sie war dem Fremden um die Schultern viel zu weit. Dennoch streifte er sie über und ließ die Arme kreisen, als gelte einzig das Urteil seiner Bewegungsfreiheit. Madeleine wandte den Blick ab. Niemals zuvor hatte sie zwei Abwesenheiten erblickt, die von ein und demselben Lebenden getragen wurden.

— Nehmt das Geld, sagte er.

— Lasst zuerst den Rock da.

Er legte ihn auf den Tisch. Sie kehrte den Ärmel um, fand die drei blauen Stiche wieder und strich mit dem Daumen darüber. Gaspard schob die Münzen zu ihr hin. Sein Antlitz hatte jene Gelassenheit wiedererlangt, die ihm beim Eintreten eigen gewesen war – den Ausdruck eines Mannes, der einen Besuch schicklich zu beschließen wünscht.

— Ihr seht doch, dass ich Euch nicht beraube.

Madeleine blickte auf die Jacke ihres Mannes, sodann zur Treppentür.

— Das mögt Ihr erzählen, wo es Euch beliebt.

Er verschwand durch den Hof. Sie zögerte, ehe sie den Riegel vorschob; noch immer bangte ihr, das Geräusch könnte ihn zurückrufen. Erst danach zählte sie das Geld, wickelte es in einen Lappen und legte es abseits ihrer Kasse nieder. Ihr Knabe erschien auf der Treppe, den Krug in der Hand. Er fragte, wer da gewesen sei. Sie erwiderte, ein Mann habe ein Wams zurückgebracht. Das entsprach der Wahrheit, und diese Wahrheit kostete sie beinahe so viel wie eine Lüge.

Am folgenden Tage erkannte ihre Schwester die Ärmel wieder. Madeleine händigte ihr das Gewand und das Tuch aus, ohne ein Wort über den nächtlichen Besuch zu verlieren. Man würde eine andere Jacke kaufen müssen; die Kälte würde wiederkehren, das Ausbessern des Zeugs desgleichen. Sie wusste nicht, ob die Münzen eine Ware vergütet, ihr Schweigen erkauft oder es dem Wanderer bloß gestattet hatten, sich für großmütig zu halten.

Gaspard Bouis, geboren zu Besse im Jahre 1757, wurde 1780 nach seiner Flucht aus Draguignan wieder gefasst. Die Justiz von Aix sprach sein Urteil; dort ward er 1781 hingerichtet. Diese Jahreszahlen gehören seiner Geschichte an. In jene Madeleines drang die Kunde durch eine Kundin, die berichtete, man habe soeben einen Mann gerichtet, der gütig gegen die Armen gewesen sei. Die Schneiderin lauschte, ohne die Augen zu heben. Sie vollendete gerade einen Ärmel mit blauem Garn. Diesmal verlangte niemand von ihr, ihn umzuwenden.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Gaspard Bouis erblickte 1757 in Besse das Licht der Welt. Im Jahre 1779 festgesetzt und zu Draguignan eingekerkert, brach er aus, wurde 1780 abermals ergriffen und 1781 zu Aix hingerichtet. Diese Zeitmarken entstammen der einleitenden Übersicht der Abhandlung von Caroline Jouval, Le légendaire provençal de Gaspard de Besse (1999), dem einzigen hier herangezogenen Teil jener Schrift; der genaue Tag der Hinrichtung bleibt darin unbestimmt. Die Begebenheit um die Schneiderin ist gänzlich erdichtet: Sie bezeugt weder diesen besonderen Raub noch ein solches Zusammentreffen, noch ein verbürgtes Gebaren Gaspards. Sein Ruf als edelmütiger Räuber gehört dem Reich der Volkssage an und liefert keinen Beweis für tatsächliche Mildtätigkeit. Die vorliegende Erzählung stellt diesen Nachruhm in einer fiktiven Konstellation auf die Probe.

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