Niemand entrichtete ihr Kostgeld. Dies war einer der Wege, auf denen Catherine-Michelle Castille die Freiheit wiedererlangte. Eingeschlossen im Gefängnis Sainte-Pélagie, getrennt von ihrem Gatten und ihren Kindern, hatte sie gewartet, ohne zu wissen, was man mit ihr beginnen würde. Die mit ihrer Verwahrung Betrauten mochten ihre Freunde abweisen; von einer unbeglichenen Forderung konnten sie auf Dauer nicht leben. Als die Anstalt das ihr Geschuldete einforderte, musste die Frage ihres Verbleibs neu aufgerollt werden. Eine Ausgabe, für die niemand aufkommen wollte, störte drei Jahre der Einkerkerung auf.
Catherine-Michelle Peuchet war 1724 in Stenay zur Welt gekommen. Ihre Eltern hatten sie nach Paris zu einem Verwandten namens Langlois geschickt. Dort begegnete sie Castille, einem Mann, der für Kaufleute die Bücher führte und im Ruf musterhafter Ordnung stand. Er besaß Ersparnisse; sie erhielt von einem Onkel, der Kaplan war, eine Mitgift von zehntausend Livres. Der am 6. Oktober 1744 geschlossene Ehevertrag begründete eine Gütergemeinschaft. Die Trauung fand am 26. Dezember in Saint-Gervais statt, nach Aufgebot und vor Zeugen. Für die junge Frau besaß diese Verbindung somit gültige Papiere, eine Kirche, Unterschriften und den Segen beider Familien.
Sechs Jahre vergingen. Drei Kinder wurden geboren, zwei Knaben und ein Mädchen. Das jüngste, Hippolyte-Louis, kam im Juli 1750 zur Welt und wurde bei einer Amme in der Brie untergebracht. Am 4. November war der Vater dorthin gereist, um nach ihm zu sehen. Catherine befand sich in der Rue de la Verrerie, in einer Kammer, die zur Wohnung der Schneidermeisterin Madame Delage gehörte. Bei ihr weilte ihre kleine Tochter Reine-Michelle im Alter von viereinhalb Jahren. Eben dorthin trat ein Polizeioffizier mit Haftbefehlen gegen beide Eheleute.
Der vorgebrachte Grund warf alles um, was sie für unerschütterlich gehalten hatte: Castille wurde als Ordensgeistlicher dargestellt, der seine Abtei verlassen und eine durch seine Gelübde verbotene Ehe geschlossen habe. Catherine protestierte. Ihre Nachbarin Delage eilte herbei, versicherte, sie zu kennen, und erbot sich, für ihren Wandel einzustehen. Der Offizier führte seinen Auftrag dennoch aus. Die junge Mutter wurde nach Sainte-Pélagie geführt. Tags darauf wurde Castille in der Brie verhaftet, seiner Habe und Papiere beraubt und in die Abtei Orval verbracht. Das Kind verblieb bei der Amme. Eine Familie, die bis dahin durch öffentliche Urkunden verbunden gewesen war, wurde durch andere Befehle jäh zerstreut.
Die geistlichen Obrigkeiten beriefen sich auf eine 1714 in Orval abgelegte Profess und ein Verlassen des Klosters im Jahre 1725. Doch die Gültigkeit und die Urkunden dieser Profess sollten später Gegenstand heftigster Anfechtungen werden. Die Festnahme war vom Abt von Clairvaux betrieben worden. Dom Mayeur, der Sachwalter des Ordens, sowie ein Onkel Catherines namens Jean Peuchet traten bei den Schritten gleichfalls hervor. Eine Übereinkunft zwischen ihnen sah vor, dass Castilles Vermögen auf den Onkel übergehen sollte, gegen die Verpflichtung, die Kosten für dessen Verhaftung und Überführung nach Orval zu tragen. Der Mann, der die Verfolgung finanzierte, sollte sich mithin jenes Vermögen aneignen, von dem die Eheleute gelebt hatten.
Dieses Vermögen bestand vornehmlich aus Wertpapieren: Schuldscheinen, königlichen Effekten und Aktien. Castille trug seine Brieftasche gewöhnlich bei sich, wenn er ausging. Die Siegel wurden an der Wohnung erst zwei Tage nach Catherines Verhaftung angelegt, und für diesen Zwischenraum wurden Unterschlagungen behauptet. Als man die Siegel im Januar 1751 erbrach, veräußerte der Onkel die Fahrnis Castilles. Delage behielt Catherines Habseligkeiten zurück, um sie ihr einst wiederzugeben. Die Schneiderin, unvermögend, den Zugriff der Häscher abzuwenden, bewahrte so wenigstens das, was die Rückkehr ihrer Freundin überdauern konnte.
In Sainte-Pélagie durfte Catherine niemanden empfangen, der ihr hätte beistehen können. Sie wusste nicht, was aus ihrem Mann und ihren Kindern geworden war. Jeder verweigerte Besuch ließ sie nicht nur gefangen, sondern ohne jede Kunde von jenen zurück, deren Tage sie geteilt und deren Wohl sie bis dahin besorgt hatte. Delage versuchte, zu ihr zu gelangen, stieß jedoch auf eine ehrabschneidende Schilderung der Gefangenen, als rechtfertige der angebliche Ruf der Frau von vornherein, dass man ihr die Tür verschloss. Mayeur und Peuchet hingegen hatten Zutritt. Sie boten ihr keineswegs denselben Ausweg an. Der Onkel drängte sie, ihre Ehe anzufechten; Mayeur suchte sie zu bewegen, den Schleier zu nehmen. Der eine wollte die Nichtigkeit des Bundes feststellen lassen, den sie gelebt hatte; der andere trug ihr an, ihr eheliches Leben durch eine dauerhafte Einkehr im Kloster zu ersetzen.
Diesen letzten Weg schlug sie nicht ein. Es entspann sich ein Briefwechsel mit Orval, dessen Antwort einen Totenschein Castilles übermittelte. Catherine sollte ihn nicht wiedersehen. Die Chronik schweigt über die näheren Umstände seines Ablebens; das Schriftstück bescheinigte lediglich eine unwiderrufliche Trennung. Die Ehe, in deren Rechte sie wieder eingesetzt werden wollte, konnte ihr den Gatten nicht mehr zurückgeben. Es blieben ihre Kinder, ihre Güter und die Anerkennung des ihr zugefügten Unrechts. Um dies zu erreichen, musste sie zunächst jenen Ort verlassen, an dem man sich anmaßte, über ihre Zukunft ohne sie zu bestimmen.
Der Onkel war verpflichtet, das Kostgeld zu entrichten, kam dem jedoch nicht nach. Die Vorsteher von Sainte-Pélagie richteten am 27. Januar 1753 ein Gesuch an den Polizeileutnant; ein Urteil vom März verurteilte ihn zur Zahlung. Er vermochte nicht zu zahlen. Die Hausleitung weigerte sich daraufhin, die Insassin auf eigene Kosten weiter zu beherbergen. Eine erneute Erkundigung über ihren Lebenswandel führte nach rund drei Jahren zu ihrer Entlassung. Catherine kehrte zu Delage zurück, wo sie jene Aufnahme fand, die man ihr hinter den Kerkermauern versagt hatte.
In diesem Hause wohnte ein junger Mann namens Delaunay, ein Angestellter der Ostindien-Kompanie. Er kannte ihre Geschichte bereits und nahm sie zur Frau. Die Neuvermählten wandten sich zunächst an den Nachfolger des Abtes von Clairvaux, um ohne Prozess Genugtuung zu erlangen. Die Verhandlungen zogen sich über Jahre hin. Schließlich erhoben sie am 30. Dezember 1762 Klage auf Schadenersatz. Der Fall gelangte vor den Großen Rat. Die Frau, die man einst in einer Zelle isoliert hatte, trat nun als Klägerin auf, deren Sache die Öffentlichkeit mit Anteilnahme verfolgte.
Ihre Widersacher machten publik, dass sie vor der Trauung von 1744 schwanger gewesen war, und versuchten, diesen Umstand ihres Privatlebens gegen sie zu wenden. Die Zuhörerschaft, zunächst geneigt, schwankte. Man stritt über ihre Tugend, als hinge davon das Recht ab, sie einzukerkern, ihr die Güter zu entreißen oder sie von den Ihren fernzuhalten. Doch die Verhandlung wandte sich wieder den gegen Castille vorgebrachten Titeln zu. Die Verteidigung verlangte den Beweis seiner Profess. Das vorgelegte Pergament wies Anzeichen von Veränderungen auf; die Unregelmäßigkeiten der Urkunde und die Zweifel an den Gelübden traten zutage. Was das gesamte Vorgehen gerechtfertigt hatte, verlor den Anschein der Unanfechtbarkeit.
Gerbier führte Catherines Verteidigung; die Generalstaatsanwaltschaft trat der Forderung nach Entschädigung bei. Am 7. September 1763 verurteilte der Große Rat die beteiligten Ordensleute zu dreißigtausend Livres Schadenersatz für sie und zu einem ebenso hohen Betrag für ihre Tochter Reine-Michelle. Die damit ausgesprochene Vermögenshaftung machte nicht jedes Mitglied eines Ordens zum persönlichen Urheber der Verhaftungen. Sie gab den Opfern indessen eine richterliche Antwort nach all den wirkungslosen Versprechungen und verschlossenen Toren. Mutter und Tochter waren fortan im Urteilsspruch jeweils mit einer eigenen Summe bedacht.
Die Chronik berichtet, dass Blumenmädchen aus der Menge beim Verlassen des Saales Blumen auf Catherine warfen. Sie hatte nacheinander die Namen Peuchet, Castille und Delaunay getragen; keiner davon vermochte die unter der ersten Ehe verlorenen Jahre auszulöschen. Das zugesprochene Geld brachte ihr den in Orval verstorbenen Mann nicht wieder. Doch ein Unterschied schied den Anfang vom Ende dieses Handels: Als man sie gefangen nahm, hatte sie gefragt, was ihr Verbrechen sei; als sie den Gerichtssaal verließ, war es ein Rechtsspruch, der von jenen, die über ihr Leben verfügt hatten, Genugtuung verlangte.
