Im Grand-Théâtre zu Marseille wurde ein Zuschauer geheißen, seinen Platz zu verlassen. Sein Name war Henri Pranzini. Der Kutscher, der ihn durch die Stadt gefahren hatte, hatte ihn soeben den Beamten bezeichnet; einige in einem Haus der Rue Ventomagy übergebene Schmuckstücke hatten Argwohn erweckt. In Paris folgten die Ermittler derweil noch der Spur eines anderen Mannes. Die Verbindung sollte sich erst durch eine Taschenuhr, ein Paar Ohrringe und eine Liste gestohlener Gegenstände herstellen. Die Affäre der Rue Montaigne, die sich in einem unauffindbaren Namen zu verlieren schien, war kurzerhand in den Zug nach dem Süden gestiegen – ohne jene zu warnen, die sie noch immer in einem Pariser Hotelzimmer vermuteten.
Alles hatte im März 1887 in der Rue Montaigne Nummer 17 begonnen, der heutigen Rue Jean-Mermoz. In der Wohnung der Claudine-Marie Regnault, bekannt als Régine de Montille, waren drei Menschen ermordet worden: die Hausherrin, ihre Kammerzofe Annette Grémeret und deren Tochter Marie. Das Kind zählte erst zwölf Jahre. Spätere Berichte sollten sich weitschweifig an der Eleganz der Regnault, ihren Verbindungen und dem Glanz ihrer Juwelen weiden. Vor all diesen Schaulustigkeiten stand jedoch ein Hauswesen, in dem eine Mutter ihr Brot verdiente und ihr Kind an ihrer Seite lebte. Der Raubmord hinterließ dort drei Leichen.
Goron, der an den Ermittlungen beteiligt war, berichtet in seinen Memoiren von dem Fund. Eine Köchin namens Mutter Antoine schöpfte Verdacht, als ihr niemand öffnete. Die Concierge beruhigte sie zunächst, stieg dann jedoch mit ihr empor. Das anhaltende Schweigen führte sie schließlich zum Kommissariat. Kommissar Créneau erschien mit einem Arzt, einem Schlosser und mehreren Schutzleuten. Nach dem Öffnen der Tür erblickten sie Annette, das Kind und schließlich die Regnault. Blutige Einzelheiten fließen dem Memorialisten reichlich aus der Feder; sie fügen dem Wesentlichen nichts hinzu. Eine häusliche Besorgnis hatte ein dreifaches Verbrechen ans Licht gebracht, und die bekannten Gewohnheiten der Bewohner ließen sogleich ermessen, dass hier ein ungeheuerlicher Vorfall stattgefunden hatte.
Die erste Spur trug den Namen Geissler. Gegenstände und Initialen schienen sie zu stützen. Ein Mann dieses Namens hatte ein Hotel nahe dem Nordbahnhof verlassen und Habe auf seinem Zimmer zurückgelassen. Die Ermittler beschlagnahmten einen Koffer, Wäsche und verschiedene Kleinigkeiten; ein bloßer Zufall wuchs sich in Teilen der Presse bald zur Gewissheit aus. Goron weist sich rückblickend die Rolle des Zweiflers zu, der weniger voreilig geurteilt habe als seine Kollegen. Man darf seinen Bericht lesen, ohne diese vorteilhafte Selbstdarstellung unbesehen zu übernehmen: Die Memoiren eines Polizeibeamten zeigen stets auch, wie er der Nachwelt im Gedächtnis bleiben möchte.
Ermittlungsbehörden und Zeitungen stritten damals um dieselben Nachrichten. Goron berichtet, dass Berichterstatter, die dem Kutscher nachspürten, das aufgesuchte Hotel ausfindig machten und Erkundigungen einzogen. Der Untersuchungsrichter ereiferte sich über diese Indiskretionen; dennoch sah sich die Polizei genötigt, die Presse zu nutzen, um die Täterbeschreibung und das Verzeichnis der Schmuckstücke zu verbreiten. Dieser Widerspruch bildete beinahe eine zweite Intrige: Eine Operation sollte geheim gehalten werden, deren Gelingen zugleich vom Leseeifer Tausender abhing. Eben diese veröffentlichte Liste ermöglichte es, die in Marseille verschenkten Stücke mit den in der Rue Montaigne vermissten in Verbindung zu bringen.
Pranzini war im Hôtel de Noailles abgestiegen. Er nahm ein Paket in Empfang, fuhr in einer Droschke aus, passierte Longchamp und verkehrte in einem Haus der Rue Ventomagy. Dort sollten sich Amélie Fabre und Marie Doury alsbald an ungewöhnliche Präsente erinnern. Der augenfällige Wert einer Uhr wollte nicht zu den Erklärungen des Gastes passen. Der Schmuck wurde der Wirtin vorgelegt, welche die Polizei verständigte. Der Kutscher Berne ermöglichte es sodann, den Fahrgast im Theater aufzuspüren. In Gorons Schilderung erlangten die Pariser Ermittler durch einen Journalisten Kenntnis von dieser Festnahme – noch vor den amtlichen Depeschen. Der Memorialist erblickt darin eine bittere Lektion über die Trägheit des Verwaltungsapparates.
Die Gegenüberstellungen in Marseille brachten Pranzini vor Zeugen, die er nicht durch bloßes Leugnen aus der Welt schaffen konnte. Berne hatte seinen Wagen gelenkt; die Frauen hatten ihn empfangen; das Hotelpersonal hatte die Übergabe des Pakets beobachtet. Vor Richter Reverdin bestritt er die Geschenke, bot andere Erklärungen an und beteuerte, mit der Tat nichts zu tun zu haben. Goron schildert, er sei augenblicklich von dessen Schuld überzeugt gewesen. Diese persönliche Überzeugung ist jedoch wohlweislich von den tatsächlichen Indizien zu scheiden. Die Erscheinung eines Mannes, sein Blick oder seine Art zu antworten sind keine Beweise; die Gegenstände, die abgeglichenen Wegstrecken und die Zeugenaussagen allein mussten die Anklage tragen.
Das Paket warf eine besondere Frage auf. Pranzini gab vor, es habe Uhrfedern enthalten, die er von einer Person erhalten habe, deren Identität in seinen Antworten wechselte. Die Ermittler hielten ihm vor, weshalb er sich ihrer während seiner Ausfahrt entledigt habe. Hinter diesen materiellen Fragen zeichnete sich die Spur der Beute ab. Doch der Beschuldigte führte noch ein Alibi ins Feld: In Paris könne seine Geliebte bezeugen, er habe die Mordnacht an ihrer Seite verbracht. Solange diese Erklärung stand, sah sich die Untersuchung vor eine Hürde gestellt, die durch die Fülle bloßer Verdachtsmomente nicht auszuräumen war.
Madame S., wie Goron sie nennt, rückte schließlich von ihrer ersten Aussage ab. Sie hatte ihn schützen wollen und erklärte nunmehr, er habe die Nacht nicht bei ihr verbracht. Die Gegenüberstellung, wie sie die Memoiren wiedergeben, zählt zu den quälendsten Momenten der Akte. Sie beschwört ihn, zu erklären, wo er gewesen sei, und zu gestehen, was er wisse; er beharrt auf seiner Version und widerspricht ihren Worten. Aus ihren Äußerungen ging überdies ein vertrauliches Geständnis hervor, worin er eingeräumt haben soll, sich bei der Regnault befunden zu haben, die Gewalttaten jedoch anderen Männern zuschrieb. Dieses Geständnis bleibt eine bloße Zeugenaussage vom Hörensagen, keine Szene, der der Chronist als unsichtbarer Zeuge beigewohnt hätte. Dennoch untergrub sie seine Verteidigung empfindlich.
Der Prozess fand im Juli statt. Rechtsanwalt Demange verteidigte Pranzini, der weiterhin leugnete. Goron schildert ein sensationslüsternes Publikum, begierig, den Angeklagten zu sehen, und ergeht sich in Bemerkungen über die zu den Sitzungen herbeigeströhmten Damen. Dieses Gemälde verrät ebenso viel über die Vorurteile des Erzählers wie über die Neugier des Saales. Der Urteilsspruch hing von solcher Faszination freilich nicht ab. Pranzini wurde schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt. Am 31. August 1887 wurde er vor dem Gefängnis de la Grande Roquette hingerichtet. Der Bericht über seine letzte religiöse Regung sollte später eine katholische Erinnerung an den Fall speisen, namentlich um Therese von Lisieux; eine Geste, die als Reue gedeutet wurde, erlaubt indessen keinen gesicherten Einblick in das Seelenleben eines Verurteilten.
Bänkellieder, Zeitungen und Polizeimemoiren sicherten Pranzini ein langes Nachleben auf Papier. Das Repertoire der Moritaten bewahrt die Spuren dieser Verbreitung, von der Schilderung der Tat bis hin zu Titeln, die dem Leser oder Hörer versprachen, ihn unmittelbar an den Fuß des Schafotts zu führen. Die Kleinodien hatten dazu gedient, einen Mann aufzuspüren; seine Berühmtheit diente hernach dazu, die Geschichte zu verkaufen. Zwischen diesen beiden Reisen bleibt der schwerste Weg jener, der zurück in die Wohnung führt: zu Regnault, zu Annette und zu Marie, deren Namen vor dem des Mörders stehen sollten, sooft man die Akte öffnet.
