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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Die Kohle im Tuch

Im Januar 1691/92 wird Dr. Andrew Clenche in eine Kutsche gelockt und kurz darauf erwürgt aufgefunden – erdrosselt mit einem Tuch, das durch ein Stück Kohle beschwert war. Henry Harrison wird nebst einem unbekannten Mittäter vor dem Hintergrund eines Geldstreits um Mrs. Vanwicke angeklagt. Zeugenaussagen, Zeitangaben und Alibis widersprechen einander; die Geschworenen sprechen ihn schuldig und verurteilen ihn zum Tode.

Der Kutscher John Giles nimmt am oberen Ende der Fetter Lane zwei Männer auf. Sie erkundigen sich, ob er Doktor Andrew Clenche kenne, und heißen ihn sodann, die Kutsche zur Brownlow Street zu lenken. Einer von ihnen steigt aus und lässt dem Arzt ausrichten, zwei Herren wünschten ihn zu einer kranken Person zu führen. Clenche tritt in Schlafrock und Pantoffeln heraus. Einer der Fahrgäste überlässt ihm den Platz tief im Fond des Wagens.

Die Fahrt führt jedoch an kein Krankenlager. Die Reisenden befehlen Giles, den Wagen zum Leadenhall Market und hernach zu einer Schänke nahe Aldgate zu steuern. Dort verlangen sie nach einem Wundarzt namens Hunt, der freilich nirgends aufzufinden ist, und heißen den Kutscher anschließend zwei Hühner kaufen. Als Giles zurückkehrt, findet er den Arzt leblos gegen den Sitz gesunken. Er ruft ihn an und rüttelt an ihm: keine Antwort. Ein Tuch schnürt ihm die Kehle ab; ein darin eingewickeltes Stück Kohle drückt die Luftröhre ein. Die beiden Männer sind spurlos verschwunden.

Giles ruft sogleich die Nachtwache herbei. Man schafft Clenche in ein nahegelegenes Wirtshaus und versucht, ihm zur Ader zu lassen, doch er kommt nicht mehr zu sich. Zeugen treten hinzu, betrachten den Leichnam und stellen seine Habseligkeiten sicher. Der Tod wird amtlich festgestellt, noch ehe die Untersuchung den Namen des zweiten Begleiters ermitteln kann. Die Anklage wird Harrison als einen der beiden Männer bezeichnen und den anderen in der Urkunde als eine „unbekannte Person“ führen.

In dem Bericht von 1825 bildet diese nächtliche Droschkenfahrt das Rückgrat der Anklage gegen Henry Harrison. Der Prozess findet am 6. April 1692 vor dem Old Bailey statt. Harrison steht gemeinsam mit jenem unentdeckt gebliebenen Komplizen vor Gericht. Der Gerichtsbericht vermag zwar nicht jede Minute lückenlos zu rekonstruieren, doch er lässt den Arzt, seine beiden Passagiere und den Kutscher hervortreten, der sie von Gasse zu Gasse fuhr – sowie die Frage, an der sich die Zeugen scheiden: War Harrison einer dieser beiden Männer?

Das von der Krone angeführte Motiv wurzelt in einem Geldstreit. Doktor Clenche besaß eine Hypothek auf ein Anwesen, das mit Mrs. Vanwicke und ihren Kindern verknüpft war. Ein Vermächtnis über sechshundert Pfund war einem gewissen Rowe anvertraut worden, der ihre Angelegenheiten wahrnahm; da dieser nicht zahlen konnte, strengte Clenche die Pfändung des hypothekarisch belasteten Gutes an. Johnson, der Anwalt des Arztes, gab an, man habe angeboten, die geschuldete Summe um zwanzig Pfund zu mindern, sofern Mrs. Vanwicke den Rest begliche; sie jedoch vermochte den Betrag nicht aufzubringen. Harrison, der der Dame nahestand, trat dem Arzt entgegen. Ein Zeuge berichtet, er habe die Hand an den Degen gelegt und Clenche beschuldigt, die Witwe betrogen zu haben. Andere wollen gehört haben, wie er ihn einen „Schurken“ nannte und beteuerte, ihm gebühre der Hals abgeschnitten. Mrs. Vanwicke bat um einen Vorschuss; Clenche weigerte sich und hielt ihr vor, sie vergeude das Geld in Harrisons Gesellschaft.

Ein solcher Zwist liefert zwar ein Motiv, doch noch keinen Beweis für eine Bluttat. Die Akten häufen vielerlei Drohungen an. Eine Mietern will gehört haben, Harrison habe verkündet, Clenche werde „niemals in seinem Bett sterben“. Ein Gerichtsdiener des Compter-Gefängnisses sagt aus, Harrison habe von Rache gesprochen und nach des Doktors Blut gedürstet. Ein weiterer Zeuge erinnert sich an die Drohung, er werde Clenche „so zurichten, wie noch kein Mensch zugerichtet worden sei“. Diese Worte werden von unterschiedlichen Personen zu verschiedenen Zeitpunkten berichtet; manche Aussagen stützen sich lediglich auf die Erinnerung an Schmähungen, die bei Streitigkeiten um Schulden und Mietzinse fielen.

In der Mordnacht wird Harrison an mehreren Orten gesehen. Zuvor hatte er bei der Familie Caraway logiert, ehe er dort am 3. Januar auszog; am folgenden Tag schrieb er, er verlasse die Stadt für eine Woche oder zehn Tage. Am Abend geleitet ihn ein Träger zu einer anderen Herberge. Gegen neun Uhr leiht er sich einen Rock von einem Bekannten, der ihn zum Mahle bittet. Harrison lehnt ab: Er habe, so beteuert er, ein dringendes Geschäft vor und ein Herr warte bereits auf der Straße auf ihn. Sein Wirt sieht ihn einen Umhang tragen. Zu früherer Stunde hatte ein Kutscher vernommen, wie zwei Männer nach Dr. Clenche fragten, und sie zu dessen Tür geleitet.

Ann Ashholt erklärt, sie habe die Kutsche in der Brownlow Street halten sehen. Sie erblickte einen Mann, der den Kutscher schickte, um Clenche zu holen, und meinte dessen Züge im Laternenschein erkannt zu haben. Der Arzt stieg ein; einer der Insassen rückte zur Seite, um ihm Platz zu machen. Als Ashholt Harrison später im Newgate-Gefängnis aufsuchte, will sie seine Stimme bereits vernommen und wiedererkannt haben, ehe sie ihn erblickte, woraufhin sie ihn auch von Angesicht zu Angesicht identifizierte. Sie bekräftigt diese Wiedererkennung vor Gericht. Zuvor habe sie die Begegnung nicht gemeldet, da ihre Mutter ihr untersagt habe, sich in die Angelegenheit einzumischen. Eine zweite Zeugin gibt lediglich wieder, was Ashholt ihr nach der Tat anvertraut haben soll; sie ist mithin keine unabhängige Augenzeugin des Geschehens.

Auch Gegenstände und Spuren scheinen Harrison mit dem Fuhrwerk in Verbindung zu bringen. Das am Halse des Arztes gefundene Tuch wird mit einem Stück der Schürze einer Magd verglichen, das Harrison einst am Kaminfeuer hantiert haben soll, als er bei den Caraways wohnte. Das Mädchen bekundet, die Stoffe hätten sich geglichen. Ein junger Dienstbote, der die Kutsche nahe dem Markte erkannt haben will, erscheint nicht vor Gericht: Dem Bericht zufolge verließ er seinen Dienst, nachdem Soldaten an ihn herangetreten waren. Das Protokoll seines Verhörs wird vor der Schranke verlesen, doch die überlieferte Fassung bleibt hinsichtlich der Identität, die er einem der Männer zuschrieb, unbestimmt.

Harrison bestreitet, jemals einen Hader mit Clenche gehabt zu haben. Er schiebt die Verantwortung für den Streit auf Rowe und stellt den Ablauf der Stunden gänzlich anders dar. Er habe sich bei Maccaffee in der Chancery Lane aufgehalten und dort zwischen neun und elf Uhr Karten gespielt. Herr und Frau Maccaffee bestätigen diese Darstellung. Baker, ein weiterer Kartenspieler, beteuert, gegen zehn Uhr gegangen zu sein; doch seine Glaubwürdigkeit gerät ins Wanken, als die Anklage eine frühere Verurteilung wegen Betruges vorlegt. Harrison behauptet ferner, er habe London verlassen wollen, um in Basingstoke eine Schuld beizutreiben, vermag für diese Reise jedoch keine Zeugen beizubringen.

Eine weitere Aussage erschüttert sein Alibi. Zwei Männer berichten, sie hätten Harrison gegen elf Uhr nahe dem Wirtshaus King’s Head gesehen, auf dem Wege zur Fleet Bridge. Ihre Erinnerungen lassen sich nur schwer mit der Kartenpartie bei Maccaffee vereinbaren, beruhen indes bloß auf dem Gedächtnis. Der Richter befragt sie eingehend nach den Türen der Schänke, den gereichten Getränken und den anwesenden Gästen. Die Anklage bringt überdies eine nachträgliche Äußerung vor: Am Tage darauf soll Harrison geäußert haben, er habe sich in Kent befunden und der Tod des Arztes sei ein gerechtes Urteil gewesen. Derselben Quelle zufolge sei er erschrocken, als jemand den Mord als das Werk eines Mannes bezeichnete, der mit der Frau aus dem Compter im Bunde stehe.

Am Ende der Verhandlung sprechen die Geschworenen Harrison des Mordes schuldig. Der Bericht schließt mit dem Todesurteil und schweigt über das spätere Schicksal Harrisons; der Mittäter bleibt in den Akten unbenannt. Das Verdikt stützt sich auf einen Vermögensstreit, überlieferte Drohungen, eine späte Wiedererkennung, ein einer Magdschürze ähnelndes Tuch und umstrittene Zeitangaben. Clenche starb nicht in einem öffentlichen Handgemenge; jemand lockte ihn in eine Kutsche, erwürgte ihn mit einem kohlestückbeschwerten Tuch und ließ ihn im Schutze der Nacht zurück. Die Geschworenen wiesen dem Verurteilten einen Namen zu, doch der zweite Fahrgast blieb in den Annalen des Gerichts namenlos.

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Historischer Bericht auf Grundlage eines nachträglichen Protokolls über den Prozess gegen Henry Harrison wegen des Mordes an Dr. Andrew Clenche. Er unterscheidet sorgsam zwischen Zeugenaussagen, Alibi und Urteil; die Quelle gibt weder über die Identität des zweiten Begleiters noch über das spätere Schicksal des Verurteilten Aufschluss.

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