Der Abend des 5. April 1874, des Ostersonntags, hatte mit einer Erlaubnis begonnen. Albert Boisaubert, zehn Jahre alt, durfte seine Brüder zum Dorffest begleiten. Ernestine, seine Schwester, war allein im Haus geblieben. Die Erlaubnis stammte vom Vater; für Albert sollte der Abend in Gesellschaft seiner Brüder verlaufen und mit der Rückkehr ins elterliche Heim enden. Doch die Gazette macht diese Heimkehr zu jenem Wendepunkt, an dem das familiäre Vertrauen eine andere Wendung nimmt. In dieser Kluft zwischen dem Fest und dem Vaterhaus verortet die Gazette des Tribunaux die Anklage: Ernestine habe damals den Entschluss gefasst, das Kind zu töten, und erwogen, es in einem Brunnen verschwinden zu lassen.
Der Bericht erschien am 1. und 2. Juni nach der Verhandlung vom 25. Mai vor dem Schwurgericht von Seine-et-Marne. M. de Lurcy führte den Vorsitz; die gedruckte Schlagzeile kündigte die »Ermordung eines Bruders durch seine Schwester« an. Der Artikel gibt zunächst die Darstellung der Anklageschrift wieder und nennt sodann die Antworten der Geschworenen sowie das Strafmaß. Zwischen diesen beiden Punkten steht die Erzählung einer Nacht, eines aus einem Brunnen gezogenen Leichnams und eines Geständnisses, das die Zeitung als vollständig bezeichnet.
Ernestine Boisaubert war am 29. Dezember 1854 in Melz-sur-Seine geboren worden. Sie zählte zur Zeit des Prozesses neunzehn Jahre und war damit neun Jahre älter als Albert, ihr jüngster Bruder. Die Anklageschrift verwies auf drei frühere Verurteilungen wegen Diebstahls und berichtete von den ungünstigen Auskünften, die ihre Eltern über ihre Führung erteilt hatten und die laut der Gazette auch von den Ortsbehörden bestätigt wurden. Sie schrieb ihr ein bösartiges Gemüt und rohe Gewohnheiten zu. Diese Angaben bilden das gerichtliche Bild der Angeklagten; zur Erklärung der Tat genügen sie nicht.
Die Akte erwähnte drei Brüder: den sechzehnjährigen Ernest, den vierzehnjährigen Eugène und den zehnjährigen Albert. Sie alle hatten in unterschiedlichem Maße unter Misshandlungen gelitten. Die beiden älteren vermochten ihrer Schwester Widerstand zu leisten, während Albert, der Jüngste, ihren Übergriffen wehrloser ausgesetzt war. Die Anklage stellte die Feindseligkeit Ernestines ihm gegenüber als von jeher bestehend und von besonderer Eigenart dar. Sie brachte diese Feindschaft mit früheren Gewalttaten in Zusammenhang; auf diese Weise fügt der Artikel das Verbrechen in eine Familiengeschichte ein, ohne ihm jedoch einen bestimmteren Beweggrund zuzuweisen.
Am 5. April erteilte der Vater Albert die Erlaubnis, mit Ernest und Eugène zum Tanzboden zu gehen. Ernestine blieb allein im Hause der Eltern zurück. Laut Anklage räumte sie ein, damals den Plan gefasst zu haben, ihren Bruder zu töten, und ins Auge gefasst zu haben, ihn in einen Brunnen zu stürzen. Die behauptete Vorbedachtheit knüpfte demnach an ebendiesen Tag an: Die Absicht soll der Rückkehr des Kindes vorausgegangen sein und sich nicht erst im Verlauf eines plötzlichen Streites gebildet haben.
Gegen zehn Uhr abends verließ Ernestine das Haus unter dem Vorwand, Kerzen besorgen zu wollen. Sie begab sich zum Fest und ließ Albert rufen. Sie hielt ihm vor, dass es spät sei, und riet ihm, mit ihr zu den Eltern heimzukehren. Das Kind leistete keinen Widerstand und ging mit seiner Schwester davon. Vom Festsaal, in dem das Treiben fortdauerte, wendet sich der Bericht einer menschenleeren Dorfstraße zu. Der Weg nach Hause wurde zu jener Bahn, die Albert von seinen Brüdern und bald auch vom Leben schied. Eine vertraute Mahnung – es sei spät, man müsse heimkehren – genügte nach dieser Schilderung, um den Knaben zum Verlassen des Balls zu bewegen. Der Bericht legt Albert weder Argwohn noch Zögern bei und erfindet über diesen überlieferten Zuruf hinaus keine Worte. Das Vertrauen offenbart sich hier in einer ganz alltäglichen Handlung: der Schwester zum Haus der Eltern zu folgen. Die Mahnung zur Heimkehr gewinnt ein besonderes Gewicht, da Albert sich fügte und seine Brüder verließ. Die Anklage fasste den Fortgang als Mittel auf, ihn abzusondern; der Artikel geht vom Ruf zum Aufbruch und von der einsamen Gasse unmittelbar zum Angriff über, ohne ein Gespräch zwischen beiden zu erwähnen.
In jener verödeten Gasse hatte das Kind seine Brüder auf das Zureden der Schwester hin verlassen; diese vertraute Umkehr ist die letzte überlieferte Handlung vor dem Überfall. Die Anklageschrift warf ihr vor, sich des Kindes bemächtigt und dessen Kopf mit Wucht gegen eine Mauer geschlagen zu haben. Daraufhin habe sie ihm die Atemwege versperrt, indem sie ihm die Hand auf das Gesicht presste. Als er reglos dalag, stürzte sie ihn in einen nahegelegenen Brunnen. Die Mütze Alberts soll in einen Tümpel geworfen worden sein, nach Ansicht der Anklage zweifellos, um den Schein eines Unfalls zu erwecken.
Der Leichnam wurde am 7. April aus dem Brunnen geborgen. Die Ärzte stellten fest, dass der Tod durch Ersticken eingetreten war. Damit bezeichneten die Mediziner die Ursache des Ablebens, während die Anklageschrift den Angriff und das Ernestine zur Last gelegte Vorhaben beschrieb. Zwei Tage trennten die Osternacht von der Bergung des Toten.
Ernestine leugnete zunächst, legte dann aber, so die Gazette, ein vollständiges Geständnis ab. Das Blatt gibt deren Worte nicht wieder, stellt sie jedoch als Bestätigung der Anschuldigung dar. Vor Gericht lastete ihr die förmliche Anklage an, am 5. April 1874 zu Melz-sur-Seine vorsätzlich und mit Vorbedacht einen Mord an der Person Alberts Boisaubert begangen zu haben. Die Gazette verweist auf die Artikel 295, 296 und 302 des Strafgesetzbuches. Ihre Überschrift gebraucht das Wort »Ermordung«; die Formulierung der den Geschworenen vorgelegten Fragen trennt die vorsätzliche Tötung von der Vorbedachtheit.
M. Félix Voisin, Mitglied der Nationalversammlung und Staatsanwalt zu Melun, vertrat die Anklagebank. Rechtsanwalt Legavre aus Melun übernahm die Verteidigung Ernestines. Die Zusammenfassung verschweigt ihre Vorträge. Nach den Ausführungen des Vorsitzenden zogen sich die Geschworenen zurück; sie bejahten die Frage nach der vorsätzlichen Tötung und sodann die nach der Vorbedachtheit. Gleichwohl billigten sie der Angeklagten mildernde Umstände zu.
Der Gerichtshof verurteilte Ernestine zu lebenslanger Zwangsarbeit. Diese Strafe beschließt den Bericht. Die väterliche Erlaubnis hatte Albert mit seinen Brüdern zum Fest geführt; die gerichtliche Schilderung geleitet ihn auf den Heimweg mit seiner Schwester und verharrt sodann beim Urteilsspruch. In diesem unvermittelten Ende verweilen die erhoffte Heimkehr und das Erkenntnis nebeneinander: Die Gazette hat beschrieben, wie das Kind vom Fest weggelockt wurde, und die Antworten der Geschworenen festgehalten, doch teilt sie weder den genauen Wortlaut der Plädoyers noch die Gründe für die Zubilligung der mildernden Umstände mit.
