Ein Kind aß ein in Brighton erworbenes Schokoladenkonfekt und starb binnen weniger Minuten. Vor Gericht erkannten die Ärzte die unverkennbaren Zeichen einer Strychninvergiftung; doch niemand vermochte auf Anhieb zu beweisen, dass das Gift tatsächlich aus jener Konfiserie stammte, noch wie es dorthin gelangt war. Die Verstrickung, die Christiana Edmunds schließlich vor die Geschworenen brachte, knüpfte sich an Botenjungen, ein Giftbuch in der Apotheke, anonyme Briefe, einen verheirateten Arzt und den gelehrten Streit über den Geisteszustand der Angeklagten. Die Anklagebehörde hielt ihr vor, sie habe den Verdacht, der auf ihr selbst lastete, arglistig auf einen Händler abwälzen wollen. Die Verteidigung erwiderte, die Indizienkette weise unüberbrückbare Lücken auf, und der Verstand der Beschuldigten lasse sich nicht mit einem schlichten Urteil fassen.
Das Konfekt von Brighton
Am 12. Juni 1871 kaufte O. D. Miller Schokoladencremes bei John Maynard, einem Zuckerbäcker in Brighton, und reichte eine davon seinem vierjährigen Neffen Sidney Albert Barker. Der Knabe verkrampfte sich, schrie auf und verschied. Der Oheim selbst beschrieb beunruhigende Anfälle, nachdem er von einem weiteren Stück gekostet hatte. Der Wundarzt Richard Rugg, der noch während der Krämpfe herbeigeeilt war, vermochte bei der Leichenöffnung keine sichtbare Todesursache festzustellen. Erst der Chemiker Henry Letheby, welcher ein separat bei Maynard erworbenes Päckchen sowie den Mageninhalt des Kindes untersuchte, wies darin Strychnin nach.
Diese Unterscheidung war von Belang. Letheby bestimmte das Gift und ordnete die Symptome zu; er bewies damit jedoch weder, dass die im Päckchen verbliebene Probe jener entsprach, die Sidney verschlungen hatte, noch dass sie zu einem genau bestimmbaren Zeitpunkt vergiftet worden war. In dieser Ungewissheit nahm der Fall seine Gestalt an. Der Tod stand fest, das Gift war wahrscheinlich, doch der Weg der Substanz bedurfte der Zeugenaussagen und richterlichen Folgerungen.
Der Name Mrs. Wood
Das Giftregister des Apothekers Garrett lenkte die Nachforschungen auf eine Kundin, die sich als Mrs. Wood ausgab. Am 28. März hatte sie unter dem Vorwand, Katzen zu töten, Strychnin verlangt; sie gab eine Adresse in Kingston, Surrey, an und zog Caroline Stone als Zeugin des Verkaufs bei. Garrett verabfolgte ihr zehn Gran. Am 15. April kehrte die Kundin zurück und behauptete, das Gift habe nicht gewirkt; sie erwarb weitere zehn Gran, diesmal vorgeblich gegen einen Hund. Stone bestätigte, eine Frau bei zwei Einkäufen begleitet zu haben, vermochte jedoch die Angeklagte vor Gericht nicht zweifelsfrei wiederzuerkennen.
Im Juni überbrachte ein Junge Garrett eine angebliche Bestellung im Namen der Apotheker Glaisyer und Kemp. Die angegebene Adresse war falsch; gleichwohl wog Garrett nach einem ersten Zettel und einer vom Kind überbrachten Geldmünze eine Drachme Strychnin ab. Im Juli forderte ein Schreiben, das vorgeblich vom Coroner stammte, die Herausgabe des Giftbuchs. Als der Band zurückgelangte, fehlte ein Blatt unmittelbar vor den Eintragungen zu den Verkäufen an Mrs. Wood. Die Vermerke über die Strychninkäufe selbst waren indessen unberührt geblieben. Garrett wusste nicht zu sagen, wer die Seite herausgetrennt hatte; dieser Umstand geriet zu einem Baustein der Anklage, bildete jedoch keinen unmittelbaren Beweis gegen Edmunds’ Hand.
Andere Kinder berichteten, sie hätten für eine Dame Schokolade gekauft, die ihnen Geld gegeben und sie bisweilen ausgeschickt habe, um eine Schachtel umzutauschen. George Brookes und William Tye wiesen auf die Angeklagte. Der elfjährige Adam May hingegen blieb vorsichtiger: Die Angeklagte gleiche zwar der Frau des Auftrags, doch vermöge er nicht mit Gewissheit zu behaupten, dass es dieselbe gewesen sei. Auch war er sich nicht sicher, ob sie ihm denselben Beutel mit Schokolade zurückgegeben hatte. Das Gericht vernahm somit Annäherungen von ungleichem Gewicht; gerade das zögerlichste Kind hatte eine mögliche Vertauschung zwischen einer zurückgebrachten und einer wieder ausgehändigten Schachtel geschildert.
Ein abgewandter Verdacht
Maynard beteuerte, niemals Gift in seinem Laden aufbewahrt zu haben. Nachdem die Kundin ihm von Schokoladen berichtet hatte, an denen eine Freundin erkrankt sei, ließ er seine Waren untersuchen; sie wurden für rein befunden. Die Untersuchung des Coroners begann am 13. Juni und wurde auf den 22. vertagt. Edmunds trat damals als Zeugin auf, gab an, selbst durch jene Süßigkeiten unpässlich geworden zu sein, und Maynard sei gewarnt worden. Der Sitzungsbericht hält fest, der Coroner habe den Eindruck gewonnen, sie wolle dem Händler die Verantwortung für das Gift aufbürden. Die Jury der Untersuchung erkannte auf Unfalltod; die Frage eines Mordes blieb vorerst unberührt.
Nach der Inquest erhielt Albert Barker mehrere Schmäh- und Anonymbriefe. Inspektor Gibbs verglich deren Handschrift mit jener einer Erwiderung, die Edmunds an ihn gerichtet hatte. Der Verteidiger bestritt dessen Sachkunde als Schriftsachverständiger; der Richter erinnerte daran, dass das Gesetz jedermann gestatte, Schriften zu vergleichen, und überließ es den Geschworenen, den Beweiswert zu ermessen. Die Anklage stellte diese Schreiben sowie die falschen Bestellungen an die Apotheker als Versuche dar, die Aufmerksamkeit von der wahren Quelle des Giftes abzulenken. Gleichwohl blieb die Folgerung des Kronanwalts von dem zu scheiden, was die Zeugen tatsächlich wahrgenommen hatten: Niemand hatte der Angeklagten beim Abfassen eines solchen Briefes zugesehen.
Schließlich enthielten die Akten den Vorfall um das Schokoladenstück, das Emily Beard überreicht worden war – der Gemahlin jenes Arztes, zu dem Edmunds ein vertrautes Verhältnis unterhalten hatte. Die Anklage behauptete, ihr sei im Dezember 1870 ein verdächtiger Bissen gereicht worden; sie habe ihn wegen seines üblen Geschmacks ausgespuckt und keinen bleibenden Schaden erlitten. Der Staatsanwalt deutete dies als Auftakt einer Kette von Taten, die nach den Verdächtigungen von Dr. Beard darauf abgezielt hätten, Maynard zu verderben. Diese Begebenheit warf ein Licht auf das mutmaßliche Motiv, bildete jedoch nicht den eigentlichen Klagepunkt vor den Geschworenen.
Zwei Fragen an die Geschworenen
Die Verhandlung vor dem Central Criminal Court begann am 15. Januar 1872 unter dem Vorsitz von Baron Martin. Die Anklage trug vor, das von Maynard verkaufte Konfekt sei von der Angeklagten vertauscht oder vergiftet worden. Der Verteidiger, Serjeant Parry, leugnete nicht, dass Kindern bei anderen Gelegenheiten vergiftete Süßigkeiten zugekommen waren. Er pochte jedoch auf den eigentlichen Gegenstand der Anklage: Zehn Tage waren zwischen dem Kauf durch den Knaben May und jenem des Konfekts vergangen, das Sidney verzehrt hatte, während die Gehilfen allwöchentlich Teile des Vorrats veräußerten. Wer vermochte nachzuweisen, dass jene tödliche Creme tatsächlich zu den von Edmunds berührten Stücken gehörte? Diese Lücke im zeitlichen Ablauf war kein Nebenumstand, sondern der Kern der sachlichen Verteidigung.
Die zweite Verteidigungslinie galt der Zurechnungsfähigkeit. Edmunds’ Mutter schilderte geistige Leiden ihres Gatten, eines Sohnes sowie einer weiteren Tochter und verwies auf Lähmungserscheinungen und hysterische Zustände der Angeklagten. Die Ärzte sprachen nicht mit einer Stimme. Woods erachtete die Beschuldigte für unfähig, ihre Lage zu ermessen und Recht von Unrecht wie ein gesunder Mensch zu scheiden. Robertson verortete sie im Grenzbereich zwischen Verbrechen und Wahnsinn, wenngleich er ihr einen klaren, wahnfreien Verstand bescheinigte. Maudsley sprach von einem Mangel des sittlichen Gefühls und verknüpfte diesen mit geistiger Zerrüttung. Diese ärztlichen Urteile gehörten ihrer Zeit an; der historische Bericht gestattet es nicht, sie in eine moderne Diagnose umzumünzen.
Parry berief sich auf jene familiäre Belastung, erklärte jedoch, er überlasse es dem Gewissen der Geschworenen, ob Edmunds als unzurechnungsfähig anzusehen sei. Der Richter fasste die Sache in zwei Fragen zusammen: Hatte sie dem Kinde das Giftkonfekt zukommen lassen; und war sie, sofern sie es getan hatte, von hinreichend klarem Verstand, um für ihre Tat einzustehen? Er betonte, dass die Geisteskrankheit zur Tatzeit zweifelsfrei erwiesen sein müsse. Die Geschworenen zogen sich vor vier Uhr zurück und kehrten nach nicht einmal einer Stunde mit dem Urteil zurück: schuldig. Der Spectator meldete den Schuldspruch am Dienstag, dem 16. Januar. Im Gerichtssaal verlangte Edmunds sogleich, auch wegen der übrigen Anklagen gehört zu werden und ihre ganze Beziehung zu dem Arzt offenzulegen; der Richter wies dieses Begehren ab, da er den Prozess streng auf den Fall Sidney beschränkt wissen wollte.
Das Urteil und die Vollstreckung
Das Todesurteil wurde feierlich verkündet. Der Gerichtsschreiber fragte sie sodann, ob sie Einwände gegen die Urteilsvollstreckung vorzubringen habe («in arrest of the judgment») und ob sie guter Hoffnung sei. Edmunds murmelte, sie sei schwanger. Eine Geschworenenbank aus Matronen wurde zusammengerufen; sie befand, dass keine Schwangerschaft vorliege. Dieses Verfahren, das lediglich klären sollte, ob die Hinrichtung aufzuschieben sei, berührte weder die Schuldfrage noch die Zurechnungsfähigkeit.
Der Bericht des Annual Register vermerkt, dass die Todesstrafe in der Folge wegen Geisteskrankheit ausgesetzt wurde. Im Mai 1872 verortet eine parlamentarische Debatte die Verurteilte in der Anstalt Broadmoor und hält fest, sie sei nach Verhängung des Todesurteils für geisteskrank erklärt worden; der Minister unterschied diese Verwahrung ausdrücklich von einer gewöhnlichen Zuchthausstrafe. Das Verdikt des Schwurgerichts und die spätere Rechtsstellung fielen mithin nicht zusammen: Die Geschworenen hatten den Einwand der Unzurechnungsfähigkeit verworfen, während ein nachgelagerter Hoheitsakt ihren Geisteszustand für den Vollzug und ihre Einweisung anerkannte. Die Gefangene war verurteilt worden; dem Henker fiel sie nicht anheim.
Dieser Kriminalfall hinterlässt weniger eine schlichte Antwort als eine Reihe offener Schwellen. Konnte die Schokolade lückenlos bis zu jenem Päckchen verfolgt werden, das das Kind verzehrte? Bewies ein Schriftvergleich die Urheberschaft? Wann vermag die Heilkunde eine Tat zu erhellen, ohne sie dem Gesetz zu entziehen? Das Gericht entschied über die Schuld Christiana Edmunds’; der Streit ihrer Epoche und ihre Verlegung nach Broadmoor zeigen jedoch, dass das Urteil die Debatte um die Verantwortlichkeit nicht zum Schweigen brachte. Dies ist die Grenze der Chronik: Sie bewahrt Stimmen, Indizien und Urteilssprüche, gewährt uns jedoch keinen Einblick in jenen verborgenen Augenblick, da der Entschluss zur Tat gefasst wurde.
