In einem Trauregister, das älter war als ein Jahrhundert, mochten zwei Buchstaben genügen, um das Ansehen eines Namens von Grund auf zu wandeln. Die Anklage beschrieb ein »de«, das vor den Namen Visseq am Rand, im Text der Urkunde selbst sowie nahe der Unterschrift eingefügt worden war: Dieses Adelsprädikat sollte einer Familie den Schein eines Adels verleihen, von dem die übrigen Urkunden nicht den geringsten Nachhall bewahrten. Es galt nicht, ein ganzes Geschlechterbuch neu zu schreiben, sondern ein flüchtiges Zeichen zu setzen, wiederholt an jenen Stellen, an denen das forschende Auge verweilt, um die Identität der Brautleute zu prüfen.
Die Sache kam vor dem Schwurgericht des Departements Hérault in der Sitzung vom 22. Februar zur Verhandlung. Die Gazette, welche am 26. und 27. Februar 1877 darüber berichtete, nannte Herrn Bellac, Rat am Berufungsgericht von Montpellier, als Vorsitzenden. Cuvilier, den das Blatt als »Cuvilier (Hujeune)« bezeichnete, zählte siebenundfünfzig Jahre. Er gab sich als Archivar aus, war zu Vissigencourt geboren und wohnte zu Paris. Die Gazette berichtet, die Anklageschrift habe seinen Namen mit jenem des Albert Visseq-Laprade, eines Grundbesitzers aus Montpellier, verknüpft, seit beide einander 1875 in Paris begegnet waren.
Visseq-Laprade hegte den Wunsch, so weit wie möglich in die Reihe seiner Ahnen zurückzudringen. Dem vor Gericht dargelegten Bericht zufolge versprach Cuvilier ihm den Nachweis, dass er von einem edlen Geschlecht namens de Vissée abstamme, das seit dem 10. Jahrhundert im Languedoc ansässig und in der männlichen Linie erloschen sein sollte. Die in Paris begonnenen Forschungen führten zu keinem Ergebnis. Cuvilier hatte zweihundert Franken für diese Arbeit empfangen; er erklärte nun, er müsse die Schreibstuben und öffentlichen Archive des Südens einsehen, wo allein die gesuchten Belege zu finden seien.
Eine Übereinkunft wurde getroffen, der zufolge er sich gegen ein Tagegeld von zehn Franken nach Lodève begeben sollte. Dort traf er gegen Juli 1876 ein. Der Sitzungsbericht schildert im Folgenden zwei widerstrebende Bestrebungen: Cuvilier, so heißt es, habe an dieser Lage mehr Behagen gefunden als am Ertrag seiner Nachforschungen und dieselbe in die Länge gezogen; Visseq-Laprade hingegen habe den Angeklagten unablässig gedrängt, ihm die verheißenen Beweise zuzustellen. Der Abstand zwischen dem Versprechen und seiner Erfüllung bemass sich so in bezahlten Tagen, während der Auftraggeber auf ein Dokument harrte, das seinen Namen an das verheißene Haus knüpfen sollte.
Im September 1876 betrat Cuvilier die Schreibstube des Zivilgerichts zu Lodève. Man legte ihm mehrere Zivilstandsregister aus der Zeit vor der Revolution vor, insbesondere jene der alten Pfarrei Saint-Jean-de-Fos. Der Bericht zählt deren einundsechzig auf, die seit langen Jahren keiner Menschenseele mehr vorgelegt worden waren. Diese Bände gestatteten es, den vereinzelten Eintrag mit den übrigen Urkunden derselben Sippe zu vergleichen. Unter ihnen befand sich das Buch, welches die Eheschließung des Antoine Visseq mit Elisabeth Laval enthielt.
Der Bericht über den Fund datiert diese Urkunde auf den 11. Februar 1751. Die diesen Namen betreffenden Schriftstücke stellten weder dem Namen noch der Unterschrift Visseqs irgendein Adelszeichen voran. Eben dieses Schweigen der Urkunden sollte Cuviliers Zusage tilgen. Nach etwa zwanzig Tagen gebot ihm der Gerichtsschreiber, seine Nachforschungen einzustellen; sein Gebaren erschien diesem verdächtig, wie die Gazette vermeldet, und Cuvilier verließ Lodève.
Am 31. Oktober veranlasste ein Gesuch um Erteilung einer Urkundenabschrift, das mittelbar von Cuvilier ausging, den Gerichtsschreiber zur erneuten Durchsicht der Bestände. Er schlug das Register von Saint-Jean-de-Fos auf und erkannte alsbald, dass die Urkunde jüngst verfälscht worden war. Das Wörtchen »de« war am Rande, im Text der Urkunde und vor der Unterschrift nachgetragen worden. Die Tinte war, so der Sitzungsbericht, zum Zeitpunkt der Feststellung noch frisch gewesen.
Der Verdacht stützte sich mithin nicht allein auf die Veränderung eines Namens. Auch Cuviliers Stellung in dieser Angelegenheit wog schwer: Er hatte das Register bei seinen Studien eingesehen und trachtete danach, Visseq-Laprade das Zeugnis edler Herkunft beizubringen. Die Anklage focht dafür, dass er allein die dergestalt veränderte Urkunde seit vielen Jahren zur Hand gehabt habe und dass ihm daran gelegen sein musste, eine Fälschung ins Werk zu setzen, um dem Namen seines Kunden ein Adelsprädikat voranzustellen. Ein im Zuge der Voruntersuchung eingeholtes Schriftgutachten, so meldet das Blatt ferner, habe den Beteuerungen des Angeklagten gänzlich widersprochen.
Der Wortlaut der Anklage bestimmte die inkriminierte Tat genauer: In Lodève habe Cuvilier in der Heiratsurkunde des Antoine Visseq und der Elisabeth Laval nachträglich das Partikelchen »de« beigefügt, am Rande, im Urkundentext und bei der Unterschrift. Der Anklagetext verlegt diese Eintragung auf den 11. Juni 1751, wohingegen der Bericht über die Urkunde den 11. Februar desselben Jahres nennt. Die Gazette löst diesen Widerspruch nicht auf; er muss so stehenbleiben, wie die Überlieferung ihn darbietet.
Die gerügte Verfälschung betraf eine öffentliche und authentische Schrift, und der Artikel verweist auf die Artikel 147 und 148 des Strafgesetzbuches. Die juristische Formel bekundet den Ernst, den die Anklagebehörde dem Zusatz beimaß: Dieses Zeichen galt nicht als belanglose Zierrat, sondern als eine Abänderung jener Bestimmungen, Erklärungen oder Tatsachen, welche die Urkunde zu bezeugen bestimmt war. Für Visseq-Laprade sollte dieses vermeintliche Prädikat das Tor zu einer Ahnenreihe aufstoßen.
In der Verhandlung änderten die vernommenen Zeugen dem Berichte nach nichts an den in der Anklageschrift festgehaltenen Tatsachen. Cuvilier verharrte bei seinem Leugnen. Herr Jouvion, der Generalanwalt, vertrat die Anklage; Rechtsanwalt Brenot führte die Verteidigung. Sodann erging das verneinende Verdikt der Geschworenen: Cuvilier wurde freigesprochen und augenblicklich auf freien Fuß gesetzt.
Das Ende bestätigt mithin nicht jene Schuld, welche die Erzählung weitschweifig dargelegt hatte. Der Bericht nennt weder die Beweggründe des Urteils noch die Erwägungen der Geschworenen im Einzelnen; er bezeugt lediglich ihren Spruch und dessen rechtliche Folge. Das Adelsprädikat war wahrgenommen, die Handschrift untersucht, das Leugnen beibehalten worden, doch das Gericht erkannte nicht auf Schuld. Man muss diese Umstände nebeneinander bestehen lassen, ohne den Argwohn des Schreibers oder die These der Anklage voreilig in ein Richterurteil umzudeuten.
Es bleibt jenes dreifach auf vergilbtem Blatt eingefügte Partikel und der gewaltige Unterschied, den man ihm abzugewinnen suchte. Die Register hatten Geschlechterfolgen überdauert, ohne dass ihr Schweigen als Mangel empfunden worden wäre; dieser Rechtsstreit forderte plötzlich von ihnen, mehr auszusagen als den bloßen Namen der Gatten. Doch am Ende der Verhandlung folgten die Geschworenen der Anklage nicht. So schloss sich der Fall: nicht mit einer wiedergefundenen Ahnenreihe, noch mit einer Verurteilung, sondern mit dem Freispruch dessen, dem man die Einfügung zur Last gelegt hatte.
