In Carlisle trugen die Männer, die vor dem Gasthof warteten, die Kleidung von Polizeibeamten. Ellen Turner glaubte, sie lauerten ihrem Vater auf; in Wahrheit gehörten sie zu jener Inszenierung, die sie in eine Ehe drängen sollte, die sie nicht gewählt hatte. Sie war fünfzehn Jahre alt. Von Liverpool aus, wo sie erzogen wurde, hatten die Brüder Wakefield sie bis an die schottische Grenze geführt, indem sie ihr einredeten, Vermögen und Freiheit ihres Vaters hingen von ihrer Einwilligung ab.
Das 1860 veröffentlichte Kapitel des Pitaval stellt eine Kernfrage in den Mittelpunkt: Blieb eine in Gretna Green geschlossene Verbindung gültig, wenn die junge Frau ihr nur infolge einer vorsätzlichen Täuschung zugestimmt hatte?
Ellen war das einzige Kind und die Erbin von William Turner, dem Besitzer von Shrigley Park in Cheshire. Im Februar 1826 war sie gerade fünfzehn Jahre alt geworden und lebte im Pensionat der Schwestern Daulby in Liverpool. Ihr Vater hatte geschäftliche Rückschläge erlitten; im Vorjahr hatte die Krise von 1825 zahlreiche Handelshäuser erschüttert. Ellen hatte ihre Familie davon sprechen hören. Eben diese reale Erinnerung sollte die Entführung nun gegen sie wenden.
Edward Gibbon Wakefield hatte Erkundigungen über die Existenz und die Güter des jungen Mädchens eingeholt. Dem Kapitel zufolge beschloss er, sie unter dem Vorwand einer Erkrankung der Mutter aus dem Pensionat zu locken und sich mit ihr zu vermählen. Ein französischer Diener namens Thévenot wurde beauftragt, ein Schreiben im Namen eines Arztes, Dr. Ainsworth, an die Schule zu überbringen. Darin hieß es, Mrs. Turner sei von einem Schlaganfall getroffen worden und wünsche ihre Tochter unverzüglich zu sehen. Um Nachfragen zu ersticken, verfügte der Brief, keine Begleitperson solle mitreisen, und man müsse Ellen die Schwere des mütterlichen Zustands verheimlichen.
Das Schreiben legte selbst die Antworten fest, die der Diener zu geben hatte. Er gab vor, erst kürzlich für das neue Anwesen gedungen worden zu sein, und versicherte, ein Arzt werde in Manchester zu Ellen stoßen. Den Schwestern Daulby waren die Vorbereitungen eines Umzugs bekannt; die Lüge fügte sich somit nahtlos in gewohnte Begebenheiten. Sie ließen ihren Schützling ziehen. Die Vorsteherin wusste wohl, dass der Teenager weder den Kutscher noch den Wagen kannte; das Vertrauen des Hauses stützte sich nahezu gänzlich auf jene Zeilen.
In Manchester wartete kein Arzt auf Ellen. Edward Gibbon Wakefield trat ihr als Beistand entgegen. Er eröffnete ihr, die Krankheit der Mutter sei nur ein Vorwand gewesen, und erklärte alsdann, die Angelegenheiten ihres Vaters schwebten in höchster Gefahr. Sein Bruder William Wakefield trat hinzu, um diese Erzählung zu bekräftigen. Beide Männer verfügten über genügend Einzelheiten aus den Familienverhältnissen, um ihre Schilderung glaubhaft zu machen. Sie sprachen vom Zusammenbruch von Banken, von Gläubigern, die Turner verfolgten, und von einem Onkel, der bereit sei, eine beträchtliche Summe vorzuschießen, sofern Ellen Edward heirate. Die Beträge weichen in den Sitzungsberichten voneinander ab: Das Kapitel nennt vierzigtausend Pfund in der Aussage des Mädchens und sechzigtausend in einer früheren Fassung. Man darf diese Ziffern keineswegs mit bankmäßig belegten Summen verwechseln.
Ellen wandte zunächst ein, sie sei allein gereist, um zu ihrer Mutter zu gelangen. Wakefield entgegnete, die Verbindung schütze den Familienbesitz, und ihr Vater befinde sich in Carlisle, verborgen vor den Schergen des Sheriffs. William fügte hinzu, er habe Turner mit dem Familienanwalt in einem kleinen Gemach des Wirtshauses gesehen. Die vor dem Tore bemerkten Männer, so behauptete er, seien verdeckte Häscher der Polizei. Mit jeder Station schnürte sich die erfundene Gefahr enger um das Mädchen: Der Vater durfte sich nicht zeigen, die Gläubiger rückten näher, und einzig ein rascher Entschluss schien imstande, das Haus zu retten.
Die Reisenden zogen über Kendal nach Carlisle. Die gedruckten Daten stimmen nicht in allem mit dem Fortgang der Ereignisse und den genannten Zeitungsanzeigen überein; behalten wir die überlieferte Reihenfolge bei, ohne jeden Reisetag starr festzulegen. In Carlisle gelang es Ellen nicht, ihren Vater zu sehen. William versicherte ihr, er sitze im Hinterhaus des Gasthofs fest und flehe sie an, Edward zu erhören. Sie willigte schließlich ein, so erklärte sie vor Gericht, weil sie glaubte, der Vater sei ohne dies rettungslos verloren. Ihr „Ja“ war nicht jenes helle Einverständnis, das die Verteidiger später aus den Gesten der Zeremonie herauslesen wollten: Es erwuchs aus einem Gespinst von Lügen über Krankheit, Schulden und Verderben.
Die Gruppe überschritt die Grenze und begab sich nach Gretna Green. Der Schmied David Laing schloss die Verbindung nach ortsüblicher Form vor Zeugen. Später, im Verhör vor Gericht, schilderte er einen Vorgang, der in seinen Augen vollkommen rechtmäßig war: Er habe beide junge Leute gefragt, ob sie einander zu Eheleuten nehmen wollten, habe ihre Hände zusammengeführt und ihnen Glück gewünscht. Er räumte ein, weder Priester noch Kirchendiener zu sein. Sein Zeugnis behob den Streitfall nicht; es verschob ihn lediglich. Die Frage bestand nicht allein darin, ob Worte und Handlungen den schottischen Gebräuchen genügt hatten, sondern unter welchen Umständen Ellen sie ausgesprochen hatte.
Nach einer Rast in Carlisle eilten die Wakefields nach London und weiter nach Calais. Der Bericht schildert eine aufreibende Jagd. Edward gab die Vermählungsanzeigen und die Abreise nach Paris bekannt, noch ehe die Familie Turner überhaupt erfuhr, dass Ellen das Pensionat verlassen hatte; die Angehörigen lasen von dem Geschehen erst in den Zeitungen. Der Sachwalter Grimsditch, die Onkel Robert Turner und Critchley sowie ein Polizeibeamter setzten mit Haftbefehlen über den Kanal. In Calais verlangte Grimsditch die Herausgabe des Mädchens. Edward Wakefield beharrte darauf, das schottische Recht mache sie zu seiner Ehefrau; die Täuschung zu rechtfertigen, unternahm er nicht.
Ellen trat ihren Onkeln entgegen und erklärte, sie wolle keinesfalls mehr mit Wakefield leben; sie sei schändlich betrogen worden. Edward ließ sie ziehen. In einem an seinen Bruder gesandten Brief, der vor Gericht zitiert wurde, räumte er ein, sie habe, nachdem sie die ganze Wahrheit erfahren, unnachgiebig auf Trennung bestanden. Er schrieb, er habe diesen Ausgang vorhergesehen und sie daher fortgelassen. Dieses Schreiben enthüllt sein Kalkül, doch bleibt es das Wort des Angeklagten aus der Feder des Chronisten, kein unabhängiges Verhandlungsprotokoll.
Die Familie leitete die Strafverfolgung ein. Das Verfahren gestaltete sich verwickelt, da Wakefield die Gültigkeit der Ehe einwandte: Konnte Ellen, wenn sie seine rechtmäßige Gattin war, überhaupt gegen ihn zeugen? Der Richter entschied, sie dürfe über den Entzug ihrer Freiheit und ihre Person vernommen werden. Der Bericht des Pitaval legt hierbei zwei getrennte Streitfragen dar, die in späteren Darstellungen mitunter verquickt wurden. Die erste betraf die strafrechtliche Schuld der Angeklagten wegen Betrugs und Entführung. Die zweite berührte die Rechtsgültigkeit der Verbindung nach schottischem Recht. Das Strafurteil allein vermochte eine Ehe, die dort als rechtskräftig galt, keineswegs aufzuheben.
Ellen berichtete von der Reise und den Schilderungen, die man ihr aufgetischt hatte. Sie bekräftigte, sie habe der Heirat nur zugestimmt im Glauben, der Vater wünsche dies und sein Vermögen werde dadurch gerettet. Der Verteidiger hielt ihr vor, sie habe einen Ring getragen, mit Wakefield gespeist und mit ihrem Ehenamen gezeichnet. Zeugen von den Poststationen beschrieben eine junge Frau, die lachte, Damenspiel spielte und heiterer Laune schien. Der Ankläger bestritt den Wert dieser Erinnerungen: In einer Reisereisekutsche, nach beängstigenden Berichten und ohne Beistand der Familie, beweise ein Lächeln nicht das Wissen um die Wahrheit.
Der Richter mahnte an, das Kernstück der Anklage liege in jenem Augenblick, da Ellen in Manchester getäuscht wurde. Was sie danach getan habe, möge das Bild erhellen, ändere jedoch rückwirkend nichts an dem falschen Vorwand, mit dem man sie ihrer Schule entfremdet hatte. Der leitende Ankläger, Serjeant Cross, behauptete, Frances Davies, verehelichte Frances Wakefield, die Stiefmutter der Brüder, habe den Plan mitausgeheckt. Die vorgebrachten Indizien blieben mittelbar: Sie hatte die Wakefields bei der Familie Turner eingeführt, Gelder geliehen, eine Banknote zum Ankauf des Wagens beschafft und im Briefwechsel mit ihnen gestanden. Die Verteidigung hob die Schwäche dieser Verdachtsgründe und das Familienband hervor. Der Spruch lautete auf schuldig, doch drängten die Kläger nicht auf Vollstreckung; von einer Strafe berichtet der Text nicht.
Auch im Falle von Edward und William Wakefield erkannte die Jury auf schuldig. Der Gerichtshof verurteilte beide zu einer dreijährigen Zuchthausstrafe. Der Diener Thévenot, der mit ihnen angeklagt war, verschwindet aus dem weiteren Fortgang der Schilderung; sein gerichtliches Schicksal bleibt im Kapitel unerwähnt. Diese Auslassung wiegt schwer: Es wäre unzulässig, für ihn eigenmächtig eine Verurteilung oder einen Freispruch zu ersinnen.
Die Züchtigung der Brüder löste Ellen noch keineswegs aus ihren ehelichen Fesseln. Dem Chronisten zufolge blieb die Verbindung rechtlich bestehen, bis ein Parlamentsakt im Folgejahr sie förmlich zunichtemachte. Die Kriminaljustiz ahndete die Arglist; ein staatlicher Gesetzgebungsakt musste erst die bürgerlichen Wirkungen der Trauung zerschlagen. Später verehelichte sich Ellen mit einem Mann namens Leigh; das Buch berichtet, sie sei früh verstorben und habe eine Tochter hinterlassen. Edward Wakefield beteiligte sich nach verbüßter Strafe an der Kolonisation Neuseelands – ein Umstand, den der Kompilator als tätige Reue seiner Jugendjahre deutet, ohne darzulegen, was dieser Neubeginn für Ellen bedeutet haben mochte.
Der Band von 1860 formt das Geschehen zu einer Streitschrift gegen jene schottischen Ehen um, die durch bloße Willensbekundung geschlossen wurden. Seine Stimme blickt rückschauend und parteiisch auf den Fall: Er nutzt das Einzelschicksal zur Ausleuchtung einer Reformdebatte. Die ursprünglichen Kriminalakten und gerichtlichen Protokolle lagen hierbei nicht vor. Die Schwankungen in den Daten, die Betrachtungen über Landessitten und die zusammengefassten Zeugnisse müssen daher dieser Sammlung zugeschrieben bleiben. Was ihre Darstellung mit größter Deutlichkeit bloßlegt, ist das Getriebe der Verführung: ein wohlberechneter Brief, wahre Splitter der Finanzkrise von 1825 und die Angst, einen Vater hilflos im Unglück zu lassen. Die Sache schließt mit einem Urteil, doch die Frage, die sie hinterlässt, kreist nicht um ein in Gretna Green gesprochenes Wort. Sie gilt der Freiheit eines Willens, der erpresst wurde, indem man alles um ihn her zur Lüge machte.
