Am 10. August 1869 übersandten Halley und Dubois ihrem Zürcher Klienten eine Nummer des Figaro-Programme. Am Vortag hatte das Blatt ein Börsengerücht vermeldet: Der Kassierer einer ausländischen Bank, so hieß es, habe soeben dreihunderttausend Franken im Spiel verloren. In ihrem Schreiben forderten die beiden Bankiers Sehaer auf, die ersten Zeilen der Finanzchronik zu lesen. Jedermann spreche davon, fügten sie hinzu; wüsste man erst, was er bei ihnen verloren habe, so wäre der Lärm noch ungleich größer. Eben dieses Datum wählte der Pariser Appellhof fünf Jahre später, um jene Geschäfte, die ihm noch erklärlich schienen, von jenen zu scheiden, welche die zivilrechtliche Haftung der Zwischenhändler begründeten.
Émile Sehaer wurde 1846 in der Schweiz geboren. Die Eidgenössische Bank in Bern hatte ihn am 24. Oktober 1866 zum Kassierer ihrer in Zürich errichteten Unteragentur ernannt. Sein Gehalt belief sich auf 2 400 Franken jährlich. Im November 1867 begann er, an der Genfer Börse zu spekulieren. Dem Verhandlungsbericht zufolge schien ihm der Genfer Markt bald zu eng, und er verlegte seine Operationen alsbald nach Paris. Er wandte sich an den Bankier Huguet, hernach an Delrue, einen früheren Angestellten desselben. Halley und Dubois, Angestellte von Delrue, wurden von Sehaer mit Mitteln versehen, um ein eigenes Bankhaus zu gründen; Monterossi und Boyer erhielten gleichfalls Aufträge als Zubringer, Séraphin wiederum als Kulissier.
Die Gelder, die Sehaer nach Paris transferierte, nährten Börsenspekulationen, durch die er der Gazette zufolge in weniger als zwei Jahren mehrere Millionen einbüßte. Die Quelle nennt drei Zahlen, die sorgsam auseinanderzuhalten sind: Die Überschrift meldet einen Verlust von 3 266 068 Franken; die Sachverhaltsschilderung beziffert den Fehlbetrag in der Zürcher Kasse auf 3 266 668 Franken; die Urteilsbegründung der Berufungsinstanz schließlich beziffert die zum Schaden der Bank begangene Unterschlagung auf 3 250 000 Franken. Der Artikel gleicht diese Beträge nicht ab. Er berichtet, dass die Justiz Sehaer nach seinem Verschwinden im Oktober 1869 habhaft wurde und das Kriminalgericht Zürich ihn am 2. Februar 1870 zu elf Jahren Zuchthaus verurteilte.
Die Banque fédérale begnügte sich nicht mit der Verfolgung ihres vormaligen Kassierers. Sie erstattete Anzeige gegen Halley, Dubois, Monterossi, Boyer und Séraphin und beschuldigte sie der Mittäterschaft an den Unterschlagungen. Das Ermittlungsverfahren endete mit einer Einstellungsverfügung. Zur selben Zeit strengte die Bank auf dem Zivilweg eine Klage auf Schadenersatz an. Sie forderte zunächst drei Millionen Franken, beantragte sodann die Feststellung des Schadens nach Maßgabe einer Rechnungslegung sowie eine Abschlagszahlung von einhunderttausend Franken.
Das Zivilgericht des Departements Seine fällte sein Urteil am 14. August 1873. Hinsichtlich Halleys, Dubois’, Monterossis und Boyers erkannte es, es sei nicht erwiesen, dass sie um die Herkunft der Gelder gewusst hätten. Sehaer war stets als Bevollmächtigter Dritter aufgetreten, deren Namen er nicht preisgeben dürfe. Er hatte ein persönliches Konto eröffnen lassen, das streng von jenem getrennt war, über das er die vermeintlichen Geschäfte für fremde Rechnung abwickelte; seine Depeschen liefen offen durch die Hände zahlreicher Angestellter. Die Zahlungen erfolgten bisweilen in den Amtsräumen der Bank selbst, deren Statuten regelmäßige Revisionen vorschrieben. Nach Ansicht der ersten Instanz erklärten diese Umstände zur Genüge, weshalb die Vermittler keinen Verdacht auf einen Betrug schöpften.
Der Fall Séraphins wurde gesondert gewürdigt. Am 18. August 1869 war er nach Zürich gereist, um Sehaer zu treffen. Im Ermittlungsverfahren gab er an, gewisse Wahrnehmungen hätten sein Misstrauen erregt, und er sei mit der Absicht nach Paris zurückgekehrt, die Geschäfte einzustellen, sobald dies möglich sei. Indes hatten noch Termingeschäfte liquidiert werden müssen, und Sehaer sei ihm, wie er beteuerte, beträchtliche Summen schuldig geblieben. Das Gericht urteilte, Séraphin habe sich nach dieser Reise eines Verschuldens schuldig gemacht, indem er die Transaktionen fortführte und neue Gelder entgegennahm. Es ordnete die Schadensermittlung nach gesonderter Rechnungslegung an, ohne vorerst eine Abschlagszahlung zu gewähren. Die übrigen Zwischenhändler wurden im Zivilverfahren außer Verfolgung gesetzt.
Séraphin legte Berufung ein. Er verstarb während des Verfahrens, das von seinen beiden Kindern, Marie-Madeleine und Jules, als Erben unter dem Vorbehalt des Inventars fortgeführt wurde. Die Banque fédérale ihrerseits legte Hauptberufung gegen Halley, Dubois, Monterossi und Boyer sowie Anschlussberufung gegen Séraphin ein. Mehrere Sitzungen zwischen dem 23. Juni und dem 28. Juli 1874 waren den unterschiedlichen Anspruchsgrundlagen gewidmet.
Die Bank stützte ihre Forderung auf drei rechtliche Erwägungen: Zunächst wollte sie die Rechte Sehaers im Wege der Gläubigeranfechtung ausüben und die zur Deckung seiner Spielverluste gezahlten Summen zurückfordern. Sodann machte sie im eigenen Namen geltend, das Verschulden der Vermittler habe ihren Schaden unmittelbar herbeigeführt. Schließlich verlangte sie unter Berufung auf eine weitere Bestimmung des Code civil die Rückerstattung von Zahlungen, die mit veruntreuten Mitteln geleistet worden waren. Der Gerichtshof verwarf die beiden auf Rückgewähr gestützten Klagegründe – jenen aus Spielschulden wie jenen über gutgläubig empfangene Gelder –, bejahte jedoch die zivilrechtliche Haftung aus Verschulden. Er sah es nicht als erwiesen an, dass Séraphin die Kurse gefälscht oder ein Gegengeschäft auf eigene Rechnung getätigt habe. Ebenso wenig sei eine unbefugte Einmischung in die Amtsgeschäfte der vereidigten Wechselmakler dargetan: Soweit die Geschäfte zum Abschluss gelangten, waren ordentliche Makler zugezogen worden. Für die vor dem 10. August vereinnahmten Gelder billigte der Hof zu, dass sie in gutem Glauben für Abrechnungen oder Kurtagen verwendet worden waren.
Doch bei dieser ersten Periode beließ es das Gericht nicht. Seiner Ansicht nach hatten die Vermittler anfangs wohl glauben dürfen, Sehaer handele für einen begüterten Kapitalisten. Jener führte zwei Konten, das eine für die großen Spekulationen, das andere für seine persönlichen Geschäfte; stets beteuerte er, nur als Treuhänder zu fungieren. Die aus Zürich überwiesenen Beträge schienen diese Darstellung zu stützen, und die Freimütigkeit, mit der die Aufträge erteilt wurden, glich nach den Worten des Urteils keineswegs dem Gebaren eines Kassierers, der seine Unterschlagungen zu verbergen sucht.
Andere Anzeichen hätten dieses Vertrauen jedoch notwendig erschüttern müssen: Sehaer versandte Banknoten in gewöhnlichen, nicht deklarierten Briefen, ungeachtet der Vorhaltungen seiner Korrespondenten. Zwei Briefe, der eine mit zehntausend, der andere mit zwanzigtausend Franken, waren auf der Post verloren gegangen, ohne dass er mit Nachdruck Nachforschungen anstellte. Vermittler, die sich nach Zürich begeben hatten, trafen dort auf einen jungen Kassierer von zweiundzwanzig Jahren, der bescheiden von einem geringen Salär lebte. Schließlich hatte Sehaer in einem Brief vom 13. Mai 1869 angewiesen, die Noten der Banque fédérale stets nur in Tranchen von fünftausend Franken zu wechseln und sie keinesfalls durch ein und dieselbe Person vorlegen zu lassen. Der Gerichtshof befand, dass eine solche Vorsichtsmaßnahme geschäftserfahrenen Männern die verdächtige Herkunft der Noten unmissverständlich vor Augen führen musste.
Der Zeitungsbericht vom 9. August wandelte diese Indizien in der Beweisführung des Hofes in einen Verdacht, an dem fortan kein Vorbeikommen mehr war. Die Nachricht meldete den Verlust von dreihunderttausend Franken durch den Kassierer einer ausländischen Bank. Halley und Dubois sandten den Ausschnitt tags darauf an Sehaer und bemerkten dazu, seine Verluste bei ihnen hätten noch weit größeres Aufsehen erregt, wären sie bekannt geworden. Nach Ansicht des Gerichtshofs konnte keiner der Zwischenhändler umhin, dieses Gerücht auf ihren Klienten zu beziehen. Er hielt fest, dass sie vom 10. August an zumindest den Verdacht hätten hegen müssen, die Mittel zur Spekulation Sehaers stammten aus der Kasse, deren Obhut ihm anvertraut war.
Séraphins Reise nach Zürich am 18. August bestätigte diesen zeitlichen Ablauf, markierte jedoch nicht dessen Beginn. Im Juli hatte er für Sehaer Geschäfte getätigt, die mit einem Verlust von 635 315 Franken geendet hatten. Der Hof erachtete die bei jenem Besuch erteilten Erklärungen als ausschlaggebend. Séraphin hatte im Ermittlungsverfahren eingeräumt, dass damals sein Argwohn erwacht sei, wiewohl er betonte, die Geschäfte baldmöglichst hätten abwickeln zu wollen. Das erstinstanzliche Gericht hatte jenes Datum gewählt, um ihn zivilrechtlich haftbar zu machen; der Appellhof verlegte das gemeinsame Verschulden auf den 10. August zurück – den Tag des Schreibens von Halley und Dubois.
Gleichwohl wandelte das Gericht dieses zivilrechtliche Verschulden nicht in eine strafrechtliche Verurteilung um. Es rief in Erinnerung, dass der Schaden primär aus der Veruntreuung Sehaers herrührte und die Bank für die Schwäche ihrer eigenen Aufsicht und Kontrolle einzustehen habe. Diese Nachlässigkeit müsse bei der Schadensbemessung ins Gewicht fallen. Der Tenor verurteilte die Zwischenhändler sowie die Erben Séraphins zum Schadenersatz an die Bank; die genaue Summe war nach Maßgabe jener Beträge festzustellen, die nach dem 10. August 1869 von Sehaer für seine Börsenoperationen empfangen worden waren. Das Gericht sprach der Klägerin zudem eine Abschlagszahlung von einhunderttausend Franken zu. Die Gesamtschuldnerschaft wurde in zwei Gruppen geteilt: Halley und Dubois auf der einen Seite, Monterossi und Boyer auf der anderen, jeweils solidarisch mit den Erben Séraphins.
Die Strafanzeige der Bank gegen die Zwischenhändler war mithin fruchtlos geblieben; die Zivilklage drang auf wesentlich engerem Terrain durch. Der Hof stellte weder fest, dass jene die Unterschlagung eingefädelt, noch dass sie die Kurse manipuliert hätten. Er warf ihnen lediglich vor, die Geschäftsbeziehung mit Sehaer fortgesetzt und sein Geld entgegengenommen zu haben, als sich ein schwerwiegender Verdacht aufdrängte. Die vom Urteil gesetzte Schwelle ruhte auf einer Zeitungsnotiz und einem vertraulichen Brief. Der Sitzungsbericht nennt weder den endgültigen Schadensbetrag, der einer Rechnungslegung vorbehalten blieb, noch die näheren Gründe des Einstellungsbeschlusses. Er zeigt jedoch eindrücklich, wie ein an die Öffentlichkeit gedrungenes Gerücht nach dem Dafürhalten des Zivilrichters die rechtliche Natur einer Geschäftsverbindung von Grund auf zu wandeln vermag.
