Am Montag, dem 8. Februar 1813, schickt sich eine junge Magd in Leipzig an, Wein zu holen. Als sie zurückkehrt, tritt ihr aus dem Hause ein Mann entgegen, der ihr bereits bekannt ist. Er grüßt sie, nennt sie bei ihrer früheren Dienststelle und geht eilig davon. Sie ahnt noch nicht, dass im vierten Stockwerk jenes Hauses am Neumarkt ihre Dienstherrin, die Witwe Kunhardt, mit zerschmettertem Schädel am Boden liegt. Die alte Dame hatte zuvor von einem Fremden gesprochen, der ihr einen Brief überbringen wollte. Der Mann, der soeben die Treppe hinabstieg, ist ein Pastor, ein Büchersammler, ein ehemaliger Magister: Johann Georg Tinius.
Die Tat selbst vollzog sich ohne Augenzeugen. Die Magd hat den Überfall nicht gesehen; sie erblickte lediglich den Besucher beim Verlassen des Hauses und vernahm beim Hinaufsteigen die Hilferufe ihrer Herrin. Im Hausflur begegnete der Lohnkutscher Vetterlein einer in einen Mantel gehüllten Gestalt. Zwei Nachbarn bemerkten im Abstand weniger Minuten einen Mann, der die Treppe herabeilte oder das Portal verließ. Der Mantel schien dunkelblau gewesen zu sein; die Kopfbedeckung erschien dem einen als Samtkappe, dem anderen als Schirmmütze oder Filzhut. Hatte dieser Mann die Witwe niedergeschlagen? Aus den Zeugenaussagen allein geht dies nicht hervor. Sie belegen lediglich die Anwesenheit eines Verdächtigen in einem Hause, in dem wenige Augenblicke später eine Frau im Sterben liegt.
Um zu verstehen, weshalb sich der Verdacht der Untersuchungsbehörden gegen Tinius richtete, muss man ein Jahr zurückblenden. Am 28. Januar 1812 empfing der Kaufmann Schmidt in seiner Schreibstube in der Grimmaischen Gasse einen Unbekannten, der vorgab, aus Hamburg empfohlen zu sein. Man sprach über Geldanlagen und sächsische Kassenbillets. Auf Bitten des Besuchers holte Schmidt eine städtische Schuldverschreibung hervor, zeigte sie vor und legte sie wieder zurück. Kurz darauf sank er, schwer am Kopf verwundet, zu Boden. Der Fremde war verschwunden; elf Papiere im Gesamtwert von dreitausend Talern fehlten im Sekretär.
Die Nachricht verbreitete sich rasch. Der Kassierer eines bedeutenden Wechselhauses erinnerte sich an einen Mann, der am selben Vormittag elf derartige Scheine veräußert und sich viel Zeit genommen hatte, Goldmünzen auszuwählen. Er beschrieb ihn als modernen Geistlichen im Reisemantel. Schmidt erlag seinen Verletzungen am 6. April nach wochenlangem Siechtum. Die Gerichtsärzte stellten fest, dass die Kopfwunden von mehreren wuchtigen Hieben herrührten, vermochten die Tatwaffe jedoch nicht zu bestimmen. Die anfänglichen Verdachtsmomente zerrannen. Die Akte blieb mangels einer verlässlichen Spur und ohne Wiedererkennen liegen.
Am 8. Februar 1813 brach die Gewalt erneut herein, diesmal in der Wohnung der fünfundsiebzigjährigen Witwe Kunhardt. Der Arzt fand tödliche Wunden, Blutunterlaufungen an den Augen und einen Schädeldruckbruch. Der genaue Tathergang ließ sich nicht rekonstruieren. Der Gerichtsbericht vermutet Raubabsicht, vermag jedoch nicht zu erklären, weshalb der Täter entwich, ohne greifbares Geld an sich zu bringen. Ein blutbefleckter Brief, der bei den Akten lag, von einem unauffindbaren Darlehensnehmer stammte und um tausend Taler bat, schien als Vorwand gedient zu haben, um sich Zutritt zu verschaffen. Überdies trug er nach Ansicht der Schriftverständigen die Handschrift von Tinius.
Die Ermittlungen begannen nicht mit einem spektakulären Zugriff, sondern mit alltäglichen Beobachtungen. An den beiden Tagen vor dem Mord hatte sich Tinius im Hause der Witwe erkundigt. Er fragte nach ihrer Wohnung, gab vor, ein Quartier zu suchen, ging fort und kehrte wieder. Am Samstag sprach er von einem Brief, den er einer »Frau Kunhardt« zu übergeben habe, verließ das Haus jedoch, ohne ihn abzugeben. Die Magd erkannte ihn; sie war ihm schon früher begegnet, als sie bei einem anderen Magister gedient hatte. Am Montagmorgen, so sagte sie aus, habe sie ihn bleich und zitternd das Gebäude verlassen sehen. Bei einer späteren Gegenüberstellung schwankte sie in ihrer Gewissheit und erklärte dies mit der Furcht vor seiner Rache, sollte er auf freien Fuß gesetzt werden.
Die Erinnerungen der übrigen Hausbewohner fügten sich keineswegs nahtlos zusammen. Einige verlegten den Abgang des Besuchers vor neun Uhr, andere danach. Auch über Farbe und Schnitt der Kopfbedeckung herrschte Uneinigkeit. Der Wundarzt Jung sah auf der Gasse einen Mann, der seinen Mantel abklopfte, vermochte ihn jedoch nicht mit Bestimmtheit zu benennen. Tinius wiederum verwickelte sich bezüglich seines Weges und seiner Kleidung in Widersprüche. Er behauptete, Buchhändler, Antiquare und das Museum aufgesucht zu haben; kein Zeuge konnte diese Besuche zur fraglichen Stunde bestätigen. Seinen Mantel habe er bei seinen Quartierwirten gelassen, doch standen diese selbst im Verdacht, ihn decken zu wollen. So stützte sich die Anklage auf eine Kette von Begegnungen, Wiedererkennungen und Ungereimtheiten sowie auf das Scheitern des Alibis.
In Poserna, dem Dorfe, in dem Tinius als Pfarrer wirkte, entdeckte die Obrigkeit zwei Hämmer. Einer davon, mit gekürztem und mit Papier umwickeltem Stiel, passte genau in die Seitentasche des blauen Mantels. Ein Teil seiner Bahn entsprach der am Schädel der Witwe Kunhardt festgestellten Knocheneindrückung; den Wundärzten zufolge konnte ein hartes Werkzeug mit abgerundeter Kante die Verletzungen verursacht haben. Blutspuren fanden sich am Metall jedoch nicht. Tinius bestritt, den Hammer je im Mantel getragen zu haben, und beteuerte, er diene lediglich Arbeiten in seiner Bibliothek. Das Werkzeug beunruhigte die Richter, bildete für sich allein jedoch keinen Beweis für dessen Gebrauch bei der Tat.
Vollends verdichtete sich die Beweislage erst nach der Festnahme. Aus seiner Zelle heraus richtete Tinius Briefe an Bekannte. Er schrieb ihnen Stunde, Straße, Kleidung und die genauen Worte vor, an die sie sich erinnern sollten. Einem versprach er Geld, einem anderen trug er auf, einen weiteren Zeugen zu beschaffen und dessen Aussage mit der eines Buchhändlers abzustimmen. Zudem forderte er dazu auf, Briefe, Gegenstände und Kleidungsstücke beiseitezuschaffen. Diese Kassiber, die abgefangen wurden, ehe sie ihre Adressaten erreichten, gaben der Untersuchung eine entscheidende Wendung: Der Pfarrer bestritt nun nicht mehr bloß das Wiedererkennen, er trachtete danach, sich ein Alibi zu fabrizieren.
Unter seinen Schriften stieß man auf Briefe unter falschem Namen. Sie handelten von rätselhaften Erbschaften, wiederzufindenden Verwandten und bereitliegenden Summen. Ein anderes Schreiben an den Beamten Hoffmann bereitete einen Besuch unter dem Namen Lange vor. Tinius war tatsächlich nachts nach Suhl gereist, hatte sich erkundigt, ob der Hausherr allein sei und ein Hund im Hause wache, und sodann ein von ihm selbst verfasstes Schreiben vorgelegt. Die Anwohner erkannten ihn trotz Brille und fremdem Namen. Er zog ab, ohne eine strafbare Handlung begangen zu haben. Der Berichterstatter sah darin einen vereitelten Mordplan; die Akten belegen indes nur die Annäherung und die Täuschung, nicht aber, was geschehen wäre, hätte man ihm Einlass gewährt.
Tinius galt als beredter Kanzelredner und Mann von profunder Gelehrsamkeit. 1764 in einfachen Verhältnissen geboren, hatte er durch Förderer studieren können, an einem Gymnasium unterrichtet und schließlich Pfarrstellen in Thüringen und Sachsen erlangt. Die Zeugnisse vormaliger Vorgesetzter lobten seinen Fleiß und seinen Wandel. Eine andere Leidenschaft jedoch, die jedermann bekannt war, verschlang sein gesamtes Vermögen: die Bücher. Er erwarb Einzelbände und ganze Bibliotheken, darunter jene des Professors Rösselt in Halle. Die Schätzungen seiner Sammlung schwankten zwischen dreißig- und sechzigtausend Bänden. Buchhändler mahnten unablässig ihre Gelder an; einem Vertrauten schrieb er, er müsse um jeden Preis vierhundert Taler beschaffen.
Es lag nahe, eine unmittelbare Verbindung zwischen den Schulden, der Bücherwand und den tödlichen Hammerschlägen zu ziehen. Die zeitgenössische Überlieferung tat dies mit einer Gewissheit, die über die Beweise hinausging. Das Verfahren erbrachte den Nachweis kostspieliger Ankäufe und drückender Geldnot; es bewies jedoch weder, dass die Leidenschaft für Bücher die Mordlust weckte, noch dass sie den Ausschlag für jeden Überfall gab. Ebenso wenig konnte nachgewiesen werden, dass Tinius den Kaufmann Schmidt getötet hatte. In jenem ersten Fall boten das geraubte Geld und die Kassenbillets zwar ein denkbares Motiv, doch blieb das Wiedererkennen durch den Kassierer vage, und keine sichere Spur verknüpfte den Pfarrer mit dem Täter des Jahres 1812.
Die rechtliche Trennung beider Fälle ist von wesentlicher Bedeutung. In erster Instanz verurteilte das preußische Gericht Tinius im Jahre 1820 wegen des Mordes an der Witwe Kunhardt, sprach ihn jedoch vom Vorwurf hinsichtlich Schmidts vorläufig frei. Zugleich befand es ihn der Veruntreuung von Kirchengeldern für schuldig. Die Strafe für den Mord wurde auf achtzehn Jahre Zuchthaus festgesetzt; die Veruntreuung trug ihm zwei weitere Jahre ein. Tinius ging in die Berufung. Drei Jahre vergingen bis zum Erkenntnis: Am 23. Januar 1823 milderte das Obergericht die Zuchthausstrafe für den Mord mit Rücksicht auf das Alter des Angeschuldigten und die überlange Untersuchungshaft auf zehn Jahre ab. Zuzüglich der zwei Jahre wegen Kirchengeldern belief sich die Gesamtstrafe auf zwölf Jahre.
Dieses Urteil schloss nicht alle Fragen ab. Die Richter erachteten die Indizien als hinreichend, um Tinius im Fall Kunhardt zu verurteilen, doch weist das Protokoll weder einen Augenzeugen der Schläge noch ein Geständnis aus. Was Schmidt betrifft, so blieb die Justiz bei einem Verdacht stehen, den die verfügbaren Beweise nicht zur Verurteilung zu verdichten vermochten. Der Unterschied zwischen beiden Entscheidungen kennzeichnet das Verfahren treffender als das romantisierende Etikett des »Büchermörders«: hier eine auf Indizienketten gegründete Verurteilung, dort ein gewaltsamer Tod, dessen Urheber gerichtlich ungesühnt blieb.
Der blaue Mantel blieb im Gedächtnis an den Fall haften, doch vermag er das Verbrechen nicht allein zu erklären. In ihm bündeln sich unsichere Blicke, in den Verhören changierende Beschreibungen von Kleidern, Nachbarn, die sich erst nachträglich erinnern, und ein Mann, der fähig war, noch aus der Zelle heraus jene Wahrheit niederzuschreiben, die er von der Welt bestätigt wissen wollte. Es geht nicht allein um die Frage, wer an jenem Februarmorgen die Treppe hinabeilte. Es geht um den Maßstab richterlicher Gewissheit, wenn Zeugen womöglich irren, stumme Dinge keine Sprache haben und der Angeklagte alles daransetzt, die Spuren zu verwischen. Leipzig lebte fortan mit zwei Toten – und einem Urteil, das nur über eine von ihnen Aufschluss gab.
