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Justiz & Skandale · England

Der Kellerschlüssel

Im Wirtshaus zu den Drei Tauben entfacht ein verlorener Schlüssel den Streit zwischen Jane Griffin und ihrer Magd Elizabeth Osborn. Der Wortwechsel endet mit einem tödlichen Stoß. Die Geschworenen sprechen Jane schuldig, und am 29. Januar 1719–20 – nach alter englischer Zeitrechnung – stirbt sie unter der Hand des Henkers. In einer Schrift, die sie einem Vertrauten hinterließ, bekannte sie sich zu der Tat, bestritt jedoch jede Heimtücke oder Vorbedacht.

Der Kellerschlüssel war unauffindbar. Jane Griffin hatte für das Abendbrot der Kinder kaltes Geflügel gerichtet, doch der Schlüssel blieb verschwunden. Beim Suchen argwöhnte die Wirtin, ihre Magd Elizabeth Osborn müsse ihn gesehen oder beiseitegeschafft haben. Ein heftiger Wortwechsel entbrannte. Zank und Hader waren zwischen beiden nicht selten gewesen; diesmal jedoch lag ein Messer zur Hand, und aus zornigen Worten wurde eine tödliche Wunde.

Jane lebte mit ihrem Gemahl, der die Schenke zu den Drei Tauben in Smithfield betrieb. Die alte Chronik schildert sie als Kind ehrbarer, wohlhabender Eltern, sorgsam und gottesfürchtig erzogen, vor ihrer Ehe in vornehmen Häusern wohlgelitten. Das Gasthaus führte sie mit Umsicht: Zahlreich kehrten die Gäste ein und verließen, so berichtet die Überlieferung, zufrieden das Haus. Es herrschte reges Schaffen zwischen Schankraum, Gaststuben und Küche. Dasselbe Zeugnis vermerkt jedoch auch ihren jähzornigen Sinn, der zu plötzlichen Wutausbrüchen neigte.

Elizabeth Osborn trat als Magd in das Haus. Zwischen der Herrin und der jungen Frau wollte kein Einvernehmen gedeihen; immer wieder kam es zu Reibereien, die nicht selten in harte Worte mündeten. Der Chronik zufolge entgegnete Jane bisweilen mit maßloser Heftigkeit. Nach Elizabeths Tod wurden diese Ausbrüche vor Gericht als Beweise eines vorgefassten bösen Willens gewertet. Bisweilen wurde Eifersucht als Ursprung des Grolls genannt, doch vermag der Chronist dies nicht mit Gewissheit zu behaupten.

An jenem Abend fehlte der Kellerschlüssel, als das Mahl für die Kinder bereitet werden sollte. Jane und das Gesinde begannen die Suche. Da sie seiner nicht habhaft werden konnte, trat die Wirtin in die Kammer, in der sich Elizabeth aufhielt, und warf ihr vor, den Schlüssel gesehen oder absichtlich verlegt zu haben. Auch die Magd antwortete mit Zorn, so berichtet der Chronist. Das Messer, mit dem Jane soeben das kalte Geflügel tranchiert hatte, lag dicht neben ihnen.

Im Verlauf des Streits griff Jane nach der Klinge und stieß sie Elizabeth in die Brust. Der Schnitt war tödlich. In den Zeilen, die sie später hinterlassen sollte, beschrieb Jane die Tat als ein jähes Aufwallen ohne vorsätzliche Bosheit.

Nach dem Stoß stieg Jane in das Obergeschoss hinauf, ohne zu ahnen, dass sie Elizabeth das Leben genommen hatte. Erst als die Magd zu Boden stürzte, schlug man Lärm. Jane wurde vor den Friedensrichter geführt und alsdann in das Gefängnis von Newgate überstellt. Zu Beginn ihrer Haft hegte sie offenbar noch die Hoffnung auf einen Freispruch vor Gericht. In dieser Zeit legte sie kein Geständnis ab. Je näher jedoch der Tag der Verhandlung rückte, desto tiefer geriet sie nach Ausweis der Chronik in Furcht und Unruhe, ungeachtet aller Einlassungen zu ihrer Verteidigung.

Die Geschworenen sprachen sie schuldig, und das Todesurteil wurde gefällt. Nicht sogleich gab Jane die Hoffnung auf, der Hinrichtung zu entgehen, wiewohl ihre Beklemmung im Angesicht des Gerichts stetig gewachsen war. Dennoch rüstete sie sich zum Sterben und erbat den Beistand ihres Pfarrers. Dieser suchte sie auf und stand ihr im Gebet zur Seite. Die Chronik zeichnet das Bild einer Frau, deren Flehen mit wachsender Inbrunst und Erschütterung erklang, je unabwendbarer ihr Schicksal vor ihr stand.

Der Berichterstatter schildert sie in tiefer Zerknirschung. Er überliefert, sie habe mitunter auf dem feuchten Unrat des Bodens gesessen und geklagt, sie müsse sich im Staube demütigen und gäbe willig hundert Herzen dahin, um die Bluttat ungeschehen zu machen. Der Bericht verknüpft diese Sinnesänderung mit dem Zuspruch des Geistlichen und dem Eintreffen des endgültigen Hinrichtungsbefehls, nach welchem ihr jede Aussicht auf Begnadigung schwand.

Als der Vollstreckungsbefehl erging, erkannte sie, dass ihr irdisches Leben verwirkt war. Dem Bericht zufolge wandte sie sich nun gänzlich dem Glauben und dem Gedanken an das Jenseits zu. Kurz vor ihrem Gang zum Richtplatz ward ihr ein letzter Abschied von Gatten und Tochter gewährt. Sie beschwor ihren Mann, einen rechtschaffenen Wandel zu führen, die Geschäfte wohl zu verwalten und in der Erziehung ihres Kindes nichts zu versäumen. Er gelobte es, und die Chronik vermerkt, dass sie daraufhin gefasster schien. Nochmals schärfte sie ihm seine Pflichten ein und bat ihn, diese letzte Mahnung stets im Herzen zu tragen, ehe sie sich ihrer Tochter zuwandte. So unterscheidet der Text zwei Sorgen: die geordnete Weiterführung des Haushalts und das, was das Kind nach ihrem Hinscheiden lernen sollte. Dem kleinen Mädchen legte Jane ans Herz, sich niemals im geringsten Anlass vom Zorn übermannen zu lassen. Sie bat die Tochter, ihren Tod als warnendes Exempel zu nehmen und in Mäßigung, Sanftmut und Gehorsam gegen Gottes Wort zu leben. Die Lehre, die sie dem Kinde erteilte, entsprang ihrer eigenen schuldhaften Erfahrung: heftige Worte um einer Nichtigkeit willen, die Gewohnheit des Jähzorns und schließlich eine Tat, die nicht mehr rückgängig zu machen war. Der Bericht zeigt sie weinend über dem Kind, das sie nicht mehr aufziehen durfte. Der Schmerz von Vater und Tochter war so unverkennbar, dass die Geistlichen, um Jane nicht noch tiefer zu verstören, dem Gespräch ein Ende setzten und sie ihren geistlichen Vorbereitungen überließen.

Die Mauern des Kerkers vermochten das böse Gerede nicht zu ersticken, das ihren Namen umrankte. Man raunte, sie sei einst in die Ermordung eines gewissen Hanson verstrickt gewesen, den man auf den Feldern beim Farthing-Pie House erschlagen hatte, und habe schon vor der Ehe mit Griffin zusammengelebt. Der Bericht führt diese Gerüchte auf unbekannte Urheber zurück. Der Geistliche von Newgate, in der Chronik der Ordinary genannt, trug ihr diese Nachreden schließlich zu. Jane bestritt jede Beteiligung an Hansons Ende und erklärte, niemals in der Nähe jenes Ortes gewohnt noch je zuvor von den Nachreden über diesen Handel gehört zu haben. Ebenso wies sie die Verleumdung ihrer Ehe zurück und versicherte, sie vergebe von Herzen jenen, die solches ausgestreut hätten.

Eine Schrift, die sie den Händen eines Vertrauten übergab, gab ihren Worten eine bleibende Gestalt. Darin bekannte sie den Stoß, der Elizabeth getötet hatte, beteuerte jedoch eindringlich, sie habe der Magd nicht nach dem Leben getrachtet. Nach ihrer Darstellung hatte der verlorene Schlüssel das böse Wort entzündet; das Messer hatte bereitgelegen, und sie hatte in plötzlicher Wallung danach gegriffen. Sie bekannte ihre Reue und gründete ihre Hoffnung auf Zerknirschung, die erlittenen Qualen und den Glauben an Christus. Sie flehte darum, dass die Schande, die sie über das Haus gebracht hatte, weder auf ihren Gatten noch auf das Kind zurückfallen möge. Denen, die sie verleumdet hatten – namentlich den Urhebern der Gerüchte –, erteilte sie Vergebung, und sie erbat ihrerseits Verzeihung von allen, die sie gekränkt haben mochte. Zugleich rief sie die Leser auf, für ihr Seelenheil zu beten. Das Blatt vereinte Geständnis, Reue, Versöhnung und die Fürsorge für die Ihren.

Am 29. Januar 1719–20 – nach alter englischer Jahreszählung – wurde Jane zur Hinrichtungsstätte geführt. Die Chronik berichtet, dass sie in ihren letzten Stunden von namenlosen Schrecken ergriffen ward und den Geistlichen wiederholt fragte, ob ihr noch Hoffnung auf Gnade bleibe. Nur schwer schien sie sich von ihnen trennen zu können und erneuerte ihre bange Frage fortwährend. Der Gefängnisprediger ermahnte sie, sich in diese letzte Stufe ihrer Prüfung zu fügen, und sprach ihr die Hoffnung auf ein besseres Leben zu, so es der Wille des Allmächtigen sei. Die Schlussszene gleicht mithin nicht jener stillen Ergebenheit, die das Bild einer reuevollen Sünderin hätte erwarten lassen: Der Text bewahrt vielmehr Gebet, Reue und die nackte Furcht vor dem herannahenden Tod ungetrennt nebeneinander auf. Sie starb im Alter von etwa vierzig Jahren, verurteilt für den Tod Elizabeth Osborns. Auf dem Papier, das sie ihrem Vertrauten anvertraut hatte, stritt Jane bis zuletzt jeden Vorbedacht ab.

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