Franz Troglauer verlangte, dass man ihm den Anschlag vorlese.
Die Wirtin hob den Blick von ihrem Schankmaß. Seit drei Tagen hing das Blatt über dem Tresen, hoch genug, um das Licht aufzufangen, tief genug, dass ein jeder das Signalement prüfen konnte. Es versprach eine Belohnung von einhundert Gulden für die Ergreifung eines Mannes, der soeben etwas zu trinken bestellt hatte. Maria hatte ihn sogleich beim Eintreten erkannt. Sie hatte fortgefahren, dasselbe Glas abzutrocknen.
— Sie verstehen zu lesen, sagte er.
Es war keine Frage. Sein Mantel trug den Staub der Landstraße, seine Schuhe alten Lehm. Nichts an seiner Tracht wies auf den Anführer einer Bande hin; doch Maria hatte gelernt, dass gefährliche Leute zumeist jenen glichen, die bei einem einkehren durften. Sie stellte das Glas beiseite und begann mit der amtlichen Formel. Troglauer lauschte ihr, wie man den Preis des Weines anhört: mit der unverhohlenen Absicht zu feilschen.
Als sie an seinen Namen gelangte, lächelte er.
— Und Sie glauben, er ist das wert?
— Ich setze die Belohnungen nicht fest.
— Sie schlagen sie aber an.
In der Stube saßen nur zwei weitere Gäste. Ein Kaufmann schlief am Ende des Tisches; ein Stallknecht flickte nahe der Tür einen Riemen. Maria wünschte insgeheim, der Kaufmann möge erwachen, bedachte dann aber, dass es besser sei, er schliefe fort. Ein wacher Mann vermochte eine Torheit zu äußern. Ein schlafender Mann verlangte ihr noch keine Wahl ab.
Der Platz an der Wand
Troglauer setzte sich mit dem Rücken zur Wand. Er verstand sich auf diese Vorsicht so gut wie Maria auf ihre Gläser. Von dort aus überblickte man den Eingang, den Hof und die schmale Stiege, die zu den Kammern hinaufführte. Er legte seine Münze hin, ehe sie ihn bedient hatte. Sie betrachtete das Geld, ohne es zu berühren.
— Das da ist echt, sagte er. Sie dürfen es nehmen.
— Ich habe es nicht verweigert.
Er sprach daraufhin von Mantel, wo er geboren war, von den Wegen und Gefängnissen, denen ein Wanderer begegnen konnte, ohne weit vorangekommen zu sein. Die Vertraulichkeit seines Tones machte das Gespräch nur peinlicher. Maria wäre eine offene Drohung lieber gewesen: da hätte sie gewusst, was zu entgegnen war. Er bot ihr das Geplauder eines Gastes an und überließ ihr die Last, das Übrige nicht zu vergessen.
Ihr Mann hatte einst einem Reisenden ein Tuch abgekauft. Einige Wochen später war ein Gerichtsdiener erschienen und hatte wissen wollen, woher es stamme. Man hatte den Handel erklären, den Preis belegen, ein Gesicht beschreiben müssen. Das Stück Tuch war aus dem Haus geschafft worden; der Verdacht aber war geblieben. Maria wusste, was eine Ware kosten konnte, deren Verkäufer sich verflüchtigt. Sie trug kein Verlangen danach zu erfahren, was ein Mensch kosten würde.
— Eine Kammer? fragte sie.
— Brot zuerst.
Er hatte Hunger. Dieser Umstand machte ihn nicht besser, aber er störte das bequeme Bild, das der Anschlag von ihm gezeichnet hatte. Ein Signalement isst nicht. Der Mann jedoch folgte mit den Augen dem Messer, das den Laib schnitt, und wartete, bis man ihm seinen Bissen reichte. Maria spürte einen Zorn aufsteigen, den sie nicht erwartet hatte: Er hätte ein anderes Haus wählen können.
Was feilstand
Der Knecht erhob sich, um hinauszugehen. Troglauer wandte den Kopf.
— Wohin des Wegs?
— In den Stall.
— Die Pferde können warten.
Maria stellte den Krug zwischen sie.
— Die meinen aber nicht. Sie gehören Gästen, die gleichfalls zahlen.
Er blickte sie lange an. Der Bursche blieb stehen, den Riemen in der Hand. Schließlich wandte Troglauer seine Aufmerksamkeit wieder dem Brote zu. Maria gab ein kaum merkliches Zeichen; der Junge schlüpfte hinaus. Sie hatte ihm keine Botschaft aufgetragen. Sie hoffte einzig, er bliebe draußen, bis der Fremde davongegangen war.
— Sie haben ein gestrenges Wort, bemerkte jener.
— In meinem Stall.
Er lachte, diesmal ohne jede Milde. Dann fragte er, ob der Richter von Parkstein zuweilen hier vorbeikomme. Der Name veränderte die Luft in der Stube. Maria kannte die Drohungen, die man dem Flüchtigen nachsagte; eine Antwort konnte ihm den Weg weisen. Sie erwiderte, sie führe kein Verzeichnis über die Reisen des Herrn Richters.
— Sie führen doch sonst Buch.
— Über Schulden.
— Das nennt man ein gutes Gedächtnis.
Er zog das Heft an sich, das am Rand der Schanktafel lag. Maria hob die Hand, ließ sie dann aber sinken. Er überflog die Seiten, hielt bei einem Betrag inne und fragte, ob der Schuldner reich sei. Sie entgegnete, wäre er es gewesen, hätte sie ihr Geld längst empfangen. Er schlug das Buch zu. Für einige Herzschläge glaubte sie, er würde es einstecken; er schob es lediglich beiseite.
Der Anschlag hing unverändert über ihren Köpfen. Hundert Gulden hätten mancherlei Vorräte bezahlt. Maria wusste das mit einer Genauigkeit, deren sie sich schämte. Sie kannte auch die Brüchigkeit der Fensterläden, das Stroh im Schuppen und die Stunden, in denen ihre Tochter allein im Hause weilte. Die Obrigkeit versprach eine Belohnung für eine Tat; sie versprach keineswegs, danach im Hause dessen zu schlafen, der sie vollbracht hatte.
Eine Zeile im Rechnungsbuch
Der Kaufmann erwachte. Er verlangte nach seinem Pferd, beklagte die verlorene Zeit und fragte, wer der Mann dort an der Wand sei. Maria gab Antwort, ehe Troglauer sprechen konnte:
— Ein Wandersmann, der sein Mahl beendet hat.
Der Gesuchte stand auf. Er hatte die Erlaubnis ebenso wohl vernommen wie den Verweis. An der Schwelle hielt er noch einmal inne, um das Blatt zu mustern.
— Sie können nun sagen, Sie hätten es aus der Nähe betrachtet.
Er ging, ohne das Wechselgeld an sich zu nehmen. Maria wartete, bis der Laut seiner Schritte verklungen war, dann legte sie die Münzen in einen gesonderten Topf. Sie wollte sie weder verlieren noch mit der Tageseinnahme mengen. Diese Scheu bot ihr keinerlei Schutz. Sie gestattete ihr lediglich, die Minute hinauszuzögern, da Troglauers Geld ihr Mehl bezahlen würde.
Am Abend schlug sie das Heft auf. Unter dem Datum des Tages trug sie seinen Namen ein, die Mahlzeit und den empfangenen Betrag. Sie war nicht zu den Gerichtsleuten gelaufen; sie hatte weder ein Pferd gestellt noch Auskunft erteilt. Sollte je jemand kommen, um sie zu befragen, würde er zumindest eine Zeile finden, die sie nicht erst hinterher ersonnen hatte.
Im Dezember 1800 traf die Kunde von der Ergreifung ein: Troglauer war nahe Freystadt gestellt und nach Amberg gebracht worden. Maria hörte den Kaufmann versichern, er hätte ihn ganz gewiss sogleich erkannt. Sie fuhr in ihrem Tagewerk fort. Der Knecht, der sich noch lebhaft an den Riemen erinnerte, verlor gleichfalls kein Wort.
Im folgenden Frühjahr wurde das Urteil verkündet, und am 6. Mai 1801 folgte der Tod am Galgen. Das Blatt wurde von der Wand genommen. Maria faltete es zusammen und legte es in ihr Rechnungsbuch, just auf die Seite jener Mahlzeit. Ihre Tochter fragte, weshalb sie ein Papier aufhebe, das nun keinen Ertrag mehr einbringe.
— Weil es nicht alles sagte.
Das Kind überflog das Signalement, dann die Rechnung, und verstand den Unterschied nicht. Maria machte keinen Versuch, es ihr auseinanderzusetzen. Das eine Blatt besagte, was der Staat für diesen Mann zu zahlen bereit war. Das andere bewahrte, was er dafür entrichtet hatte, ihr Haus betreten zu dürfen. Dazwischen lag ein Nachmittag, dessen Schrecken ihr niemand je vergüten würde.
