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Justiz & Skandale · England

Der Schuss bei Wapping

Als ehemaliger Soldat, der in London auf die schiefe Bahn geraten war, bedrohte John Smith nahe Wapping Sarah Thompson mit der Pistole. Matthew Walden fand den Tod, als herbeieilende Passanten einzuschreiten versuchten. Vor dem Old Bailey verurteilt, starb Smith am 8. Februar 1722 in Tyburn am Galgen. In seiner Abschiedsschrift gab er den Frauen eine Mitschuld an seinem Verderben, gestand jedoch zugleich ein, seine eigene Gattin misshandelt zu haben.

John Smith beteuerte bis zuletzt, er habe Sarah Thompson lediglich in Schrecken versetzen, sie jedoch keineswegs töten wollen. Nahe der Einsiedelei bei Wapping hielt er ihr eine Pistole an die Brust, als beherzte Passanten hinzutraten, um die Bedrängte aus seinen Händen zu befreien. Dabei brach sich der Schuss Bahn und traf Matthew Walden tödlich, der herbeigeeilt war, um Beistand zu leisten. Der Bericht aus Newgate schildert keinen von langer Hand geplanten Mord, sondern das Verhängnis eines Mannes, der zur Waffe griff, um seinen Willen zu erzwingen, und dessen Gewalttat einen unbeteiligten Dritten ins Grab brachte.

Smith war einst Soldat gewesen. Über seine Familie und seine Herkunft schweigt die Quelle; sie berichtet lediglich, dass er während der Feldzüge von Königin Anne in Flandern mit gutem Leumund in einem Infanterieregiment gedient habe. Sein Hauptmann schätzte ihn und teilte, so die Chronik, seine Neigung zu kühnen Handstreichen. An der Front führten Streifzüge zur Fouragierung nicht selten zu Scharmützeln zwischen den Armeen; in diesem Umfeld vollbrachte Smith jene Taten, die der Chronist als „merkwürdige Unternehmungen“ verzeichnet.

Eines Tages kehrte der Hauptmann ins Lager zurück, nachdem die Franzosen seine Abteilung in die Flucht geschlagen hatten; die Soldaten hatten ihre Futterladungen im Stich lassen müssen. Smith erhielt den Befehl, das Pferd seines Vorgesetzten auf eine Wiese zwischen den feindlichen Linien zur Weide zu führen. Schon bald gewahrte er einen Jungen, der zwei Pferde nahe den französischen Schanzen hütete. Smith mutmaßte, seine gelbe Livree und sein gebrochenes Wallonisch könnten genügen, um ihn als Franzosen durchgehen zu lassen. Er band das Pferd des Hauptmanns fest und schlich sich zu Fuß heran. Der Knabe hielt ihn tatsächlich für einen der Seinen und gab arglos Auskunft über die Stunde und seinen Herrn.

Smith wartete ab, bis eine Bodenwelle sie vor den Blicken der französischen Posten verbarg. Da packte er den Knaben, stieß ihm einen bereitgehaltenen Knebel in den Mund, band ihm die Hände auf den Rücken und sprengte auf dem besseren der beiden Tiere davon. Zwar schlugen die Posten Alarm und sandten ihm Schüsse hinterher, doch gelang es ihm, das eigene Lager unversehrt zu erreichen. Dieser Raub eines Pferdes und die Überwältigung eines Wehrlosen werden in der Quelle als Beweis seiner Verwegenheit gerühmt; die Szene zeigt freilich auch, wie sehr der damalige Erzähler dazu neigte, den Mut eines Kriminellen ins Pittoreske zu verklären.

Nicht immer handelte Smith auf eigene Faust. Bei einem anderen Fouragierungszug fiel ein Offizier ihrer Abteilung, der einhundert Pistolen bei sich trug, in einem Gefecht. Als die Nacht hereinbrach, erwarteten beide Seiten Verstärkung; niemand wagte es, die Leiche zu bergen, ohne ins Visier des Gegners zu geraten. Smith erbot sich, das Geld herbeizuschaffen, sofern ihm die Hälfte als Lohn zugestanden werde. Der Hauptmann willigte ein. Smith kroch zweihundert Schritt weit auf dem Bauch durch das Terrain, durchsuchte die Taschen des Toten und kehrte unbemerkt und ohne Verdacht zu erregen mit der Beute zurück.

Nach der Demobilisierung des Heeres ging Smith zur See und diente unter Admiral Byng im Seegefecht vor Messina. Eine Randnote der Chronik erinnert an Byngs Expedition gegen die spanische Flotte im Jahre 1718, nennt jedoch nicht den genauen Zeitpunkt, an dem Smith den Dienst quittierte. Nach seiner Rückkehr aus dem Mittelmeer entlassen, zog er nach London. Sein Sold war rasch durchgebracht, und er verlegte sich auf kleinere Diebstähle, um seinen Lebensunterhalt zu fristen. Der Chronist führt diesen sittlichen Verfall vor allem auf den Umgang mit einem Mann namens Woolford zurück, der schließlich am Galgen endete. Smith wohnte dessen Hinrichtung bei und lebte fortan mit dessen Witwe zusammen.

Die Bluttat selbst wurzelte in einer früheren Verbindung. Sarah Thompson hatte Smith verlassen, um sich einem anderen Mann zuzuwenden. Die Chronik schildert diese Trennung ganz aus dem Blickwinkel des verlassenen Liebhabers und lastet ihr alle Schuld an; Sarah selbst kommt nicht zu Wort. Als Smith sie nahe Wapping auf der Straße antraf, ging er nicht weiter, sondern setzte ihr die Mündung einer Pistole auf die Brust und überschüttete sie mit Schmähungen. Mehrere Passanten eilten herbei, um sie seiner Gewalt zu entreißen und ein Verbrechen zu verhüten.

Im Handgemenge löste sich der Schuss. Matthew Walden brach tödlich getroffen zusammen. Die zusammengelaufene Menge stürzte sich auf den Schützen und überwältigte ihn. Der Text vermerkt knapp, der Tatbestand habe vor Gericht als unzweifelhaft festgestanden; Zeugenaussagen oder die Feinheiten der juristischen Beweisführung werden nicht näher erörtert. Bei den folgenden Sitzungen des Old Bailey wurde Smith schuldig gesprochen. Mochte er auch beteuern, er habe Sarah nicht töten wollen: Der Leichnam jenes Mannes, der ihr zu Hilfe geeilt war, ließ sich durch keine Ausflucht aus der Welt schaffen.

Im Kerker gab sich Smith gefasst; er erklärte, er bereue seine Laster ebenso wie die Tat, die ihn an den Galgen gebracht hatte. Den Besuchern schärfte er ein, sich vor den „Fallstricken“ unzüchtiger Weiber zu hüten – Worte, die dem zeitgenössischen Moraldiktat entsprangen und einen Teil der Schuld auf das weibliche Geschlecht abwälzen sollten. Gleichwohl räumte er in dem Schreiben, das er am Richtplatz übergab, ein, seine eigene Gattin schlecht behandelt zu haben, und nannte sie zu gut für einen Mann wie ihn. Er habe sie damals nur wegen drückender Schulden und seiner Einschiffung verlassen. Was Sarah Thompson betraf, so beharrte er darauf, er habe sie nicht ermorden wollen; er habe seine Wut bezähmt, als die geladene Waffe auf ihre Brust gerichtet war. Nach seiner eigenen Darstellung hatte er lediglich mit einem Leuchter nach ihr geworfen – ein Umstand, den er zu seinen Gunsten als Beweis der Mäßigung auslegte.

Smith gestand überdies Diebstähle an Bord von Schiffen ein, leugnete jedoch beharrlich, je an Land gestohlen zu haben. Diese Behauptung steht freilich im Widerspruch zur Chronik, die von Diebereien nach seiner Rückkehr nach London berichtet; das auf dem Schafott verlesene Dokument darf mithin nicht als lückenloses Geständnis gewertet werden. Schließlich bat er inständig darum, niemand möge seiner Frau oder seinen Kindern, die er als vollkommen unschuldig bezeichnete, seine Schandtaten zur Last legen. Diese späte Fürsorge lässt jene Familie sichtbar werden, die er im Elend zurückgelassen hatte, ohne jedoch den Zwiespalt zwischen seinen Rechtfertigungen und den überlieferten Tatsachen zu tilgen.

John Smith wurde am 8. Februar 1722 im Alter von etwa vierzig Jahren in Tyburn hingerichtet. Ein Lebensweg, der im Waffenrock begonnen hatte – in einem Krieg, in dem Verwegenheit von den Vorgesetzten belohnt wurde –, endete im Londoner Straßenschmutz mit dem gewaltsamen Tod eines Mannes, der in einen fremden Streit eingegriffen hatte. Mag der Chronist auch schlechten Umgang und weibliche Verführungskunst für Smiths Niedergang verantwortlich machen, so bleibt der Kern des Geschehens unerbittlich einfach: Smith richtete die Waffe auf Sarah Thompson, feuerte, als Beherzte einschritten, und Matthew Walden bezahlte den Mut mit seinem Leben.

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Vollständig eingesehene Quelle: work/cap400/sources/newgate/017-the-life-of-john-smith-a-murderer.txt (SHA-256 22ea504b022b4c7c18dc330ec80f5ab5e34e72cf19f222cb20e9bd0d5f6455f4). Die Quelle verortet das gewaltsame Ende von Matthew Walden nahe der Hermitage bei Wapping und gibt an, dass Smith am 8. Februar 1722 im Alter von etwa vierzig Jahren in Tyburn hingerichtet wurde. Zum Gerichtsverfahren überliefert sie kaum Einzelheiten, abgesehen von der Verurteilung bei den folgenden Sitzungen des Old Bailey. Ebenso berichtet sie von Smiths Kriegsdienst, seinem Dienst unter Admiral Byng und, in einer Anmerkung, von der Seeschlacht von 1718; seinen militärischen Erlebnissen werden keine exakten Jahreszahlen zugeordnet. Die Worte und Entschuldigungen der Abschiedsschrift geben Smiths eigene Aussagen gemäß der Quelle wieder. Die Schmähungen gegen das weibliche Geschlecht entstammen der Vorlage sowie der Schrift des Delinquenten; der vorliegende Text übernimmt sie nicht als Erklärung für die verübte Gewalt. Ein Abgleich nach Namen und Opfern im Modul public380 und den cap400-Akten ergab keine Dubletten zu John Smith, Sarah Thompson und Matthew Walden. Andere Akten zu Personen namens John Smith betreffen völlig verschiedene Persönlichkeiten und Fälle.

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