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Maison BeaulieuMAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · KOCHKUNST & HISTORISCHE ARCHIVE
Justiz & Skandale · England

Die Brille des James Nesbett

Woolwich und Portsmouth, 1820. Nach der Entdeckung der Leichen von Thomas Parker und Sarah Brown in einem niedergebrannten Haus stellen die Ermittler Beutestücke bei James Nesbett sicher, der unter dem Decknamen James Watson reist. Die Chronik schildert seine wechselnden Einlassungen und eine Verurteilung auf Indizienbasis; sie überliefert jedoch nicht die vollständigen Gerichtsakten.

Um ein Uhr nachts, in der Nacht vom 3. auf den 4. März 1820, bemerkte ein Wachposten der Artilleriekasernen von Woolwich dichten Rauch über dem Haus von Thomas Parker. Bereits schlugen Flammen aus dem Fenster des Salons. Die Artilleristen pochten vergeblich an die Pforte; zwei Feuerspritzen trafen ein, woraufhin die Männer den Eingang aufbrachen und in das Obergeschoss vordrangen. Ein Gemach hatte bereits Feuer gefangen, ein anderes stand lichterloh in Flammen, doch von Parker und seiner Wirtschafterin fehlte jede Spur.

Die Soldaten suchten unentwegt weiter, während das Feuer auf die übrigen Räume übergriff. Um den Brand einzudämmen, schlugen sie den Dielenboden einer Kammer auf und gossen Wasser hinein, während von der Straße herab die Spritzen unaufhörlich arbeiteten. Die Männer hatten sich zunächst in den Raum des ersten Stocks vorgearbeitet: Dort hatten die Flammen bereits das Bettzeug erfasst, ohne dass ein Bewohner zu erblicken gewesen wäre. Im darüber liegenden Zimmer mussten sie das Feuer erst niederringen, ehe sie ihre Nachforschungen fortsetzen konnten. Unterdessen brach die Feuersbrunst im Salon mit erneuter Wucht aus und drohte, auf die oberen Stockwerke überzugreifen; die Rettung der Bewohner hing nun gänzlich davon ab, ob man dieser neuen Gefahr Herr werden konnte. Als die Tür des Salons endlich aufgestoßen wurde, erblickte ein Artillerist dahinter zwei Leichname. Der erste war jener Parkers, eines siebzigjährigen ehemaligen Londoner Juweliers; der andere gehörte Sarah Brown, seiner Wirtschafterin, die etwa fünfundvierzig Jahre zählte. Parker war beinahe vollkommen verkohlt: Einzig sein linkes Bein mit einem schwarzen Seidenstrumpf und einem Schuh war unversehrt geblieben. Sein Schädel indes hatte dem Feuer widerstanden; an der linken Hinterseite zeigte sich ein tiefer Knochenbruch. Brown lag mit dem Gesicht zum Boden, das Gewand teils verbrannt, das lange Haar wirr verfilzt; sie wies eine Wunde über dem Auge und drei Frakturen am Hinterkopf auf.

Das Haus war an drei verschiedenen Stellen in Brand gesteckt worden: im Salon des Erdgeschosses, in einer Kammer des ersten Stocks und in einer weiteren im zweiten Stockwerk. Vor sämtliche Fenster waren Decken genagelt worden. Die Schubladen standen offen, Kleidungsstücke lagen auf dem Boden verstreut und Silbergeschirr war in der Küche umhergeworfen worden. Die Leichenschau fand im Morgengrauen statt. Die Wunde über Browns Auge schien von einem stumpfen Werkzeug beigebracht worden zu sein. Zu den Verwüstungen des Feuers traten mithin unverkennbare Spuren stumpfer Gewalt: Was die Artilleristen entdeckt hatten, war mehr als ein bloßes Unglück. Pelham, der Chronist des Jahres 1891, deutet das Feuer als ein Mittel, das gewählt worden war, um den doppelten Mord zu verschleiern. Die Decken, so sein Bericht, schienen dazu bestimmt gewesen zu sein, den Schein der im Inneren wütenden Flammen vor den Blicken von außen zu verbergen.

Parker hatte sich als Juwelier in London ein beträchtliches Vermögen erworben und sich dreiundzwanzig Jahre zuvor nach Woolwich zurückgezogen. Er bewohnte ein Haus am Mulgrave Place in der Red Lion Street, unweit der Kasernen. Brown führte ihm den Haushalt. Pelham schildert ihn als einen friedfertigen Mann von vornehmen Manieren, der in der gesamten Nachbarschaft hoch geachtet war; in jener Brandnacht waren es eben jene Männer dieser militärischen Nachbarschaft, die in sein Haus drangen – zunächst, um das Feuer zu löschen, und dann, um jene zu suchen, die sie noch zu retten hofften.

Mehrere Personen wurden aufgrund eines Verdachts festgenommen, der einer näheren Prüfung nicht standhielt, und alsbald wieder auf freien Fuß gesetzt. Schließlich ergriff man in Portsmouth einen Mann, der sich James Watson nannte. Bei ihm fand man verschiedene Gegenstände aus Parkers Eigentum, namentlich zwei Uhren, Löffel und eine silberne Schöpfkelle. Sein wahrer Name, so weiß die Chronik zu berichten, lautete James Nesbett. Dreiundzwanzig Jahre lang hatte er bei der Artillerie gedient, ehe er sich in Woolwich niederließ, wo seine Frau einen Laden führte. Das Paar hatte fünf Kinder, von denen das älteste achtzehn Jahre zählte und das jüngste kaum sechzehn Monate alt war.

Nesbett führte überdies das Dasein eines Schmugglers. Pelham beschreibt ihn als Mann, der Spitzen und Seide aus Frankreich einführte und verbotene Waren in Gegenrichtung außer Landes schaffte. Dieses Gewerbe hatte ihn nach Portsmouth geführt, wo er mit einer Frau lebte, die zur Hauptzeugin wider ihn werden sollte. Sie bemerkte, dass er im Schlafe von Unruhe geplagt wurde und dass ihn heftige Zuckungen schüttelten, die ihr Furcht einflößten; daraufhin verließ sie die gemeinsame Bleibe. Nesbett bewog sie durch Geschenke zur Rückkehr. Um seine Seelenpein zu erklären, gab er vor, zwei Männer im Duell getötet und eine Frau mit einem einzigen Schlag erschlagen zu haben; er verhieß ihr noch ein weiteres Geheimnis, wurde jedoch festgenommen, ehe er es ihr anvertrauen konnte. Das Zeugnis dieser Frau stützte sich mithin auf anvertraute Geständnisse und in Portsmouth beobachtetes Gebaren; sie bezeugte keine Bluttat, deren Augenzeugin sie in Woolwich gewesen wäre.

Als Nesbett nach Woolwich zurückgebracht wurde, empfing ihn das Wutgeschrei der Menge. Die Chronik berichtet, dass ihn dieses Geschrei derart überwältigte, dass man ihn vor die tagenden Richter tragen musste. Zunächst leugnete er den Mord. Nach seiner Einkerkerung in Maidstone räumte er ein, von dem Verbrechen gewusst zu haben, und behauptete, vor dem Haus Schmiere gestanden zu haben, während andere im Inneren mordeten. Er bezichtigte alte Soldaten, die er nicht näher zu kennen vorgab. Pelham verwirft diese Schutzbehauptung und erklärt, Nesbett habe allein gehandelt, legt jedoch die gesamten Aktenstücke nicht vor, auf denen dieser Schluss beruhte.

Die Ermittler und Zeugen brachten beim Prozess weitere Indizien vor. Bei seiner Ankunft in Portsmouth hatte Nesbett die Leute durch die außerordentliche Schärfe seiner Augen in Erstaunen versetzt; nach dem Brand ging er jedoch mit einer Brille aus, welche die Chronik als jene Parkers identifiziert. Überdies hatte er andere Kleider angelegt, um seine Gestalt zu verändern; all diese Vorsichtsmaßregeln verhinderten indes nicht, dass man ihn erkannte. Er ergab sich keineswegs kampflos: Pelham behauptet, er habe versucht, mit geladenen Pistolen auf die Beamten zu schießen, sei jedoch daran gehindert worden. Die Uhren, das Silber, die Brille, seine Kleidung und die Aussagen der Frau aus Portsmouth fügten sich zu einer erdrückenden Kette von Beweisen.

Das Verfahren wurde am 28. Juli 1820 eröffnet. Die Geschworenen sprachen ihn nach kurzer Beratung schuldig. Drei Tage später, am 31. Juli, wurde er auf Pennenden Heath bei Maidstone hingerichtet. Pelham schildert ihn während der Verhandlung als gefasst und seiner selbst mächtig; nach der Urteilsverkündung erkannte er die Gerechtigkeit seiner Strafe an.

Die Soldaten waren in das Haus eingedrungen, um die Flammen zu bekämpfen; sie traten wieder heraus, nachdem sie einen doppelten Mord entdeckt hatten. In Portsmouth nahm die Spur den umgekehrten Weg: Die Uhren und die Brille, die aus dem Hause fortgetragen worden waren, führten den Mann mit dem geborgten Namen unerbittlich zu seinen Opfern zurück.

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Der historische Rahmen und unser erzählerischer Anteil

Vollständige Lektüre des Eintrags „James Nesbett“, vom Titel bis zum nachfolgenden Eintrag „James Mackcoull, alias Moffat“, 1.317 Wörter im vorliegenden Auszug. Die frühere Schätzung von 3.472 Wörtern bezog irrtümlich den sehr umfangreichen Folgeartikel mit ein und ist hinfällig. Einzige Quelle: die retrospektive Kriminalchronik von Camden Pelham (1891), kein offizielles Verhandlungsprotokoll und keine wörtliche Abschrift der Gerichtsdebatten. Das Kapitel nennt die Nacht vom 3. auf den 4. März 1820, die Entdeckung des Feuers um ein Uhr, das Gerichtsverfahren am 28. Juli und die Hinrichtung am 31. Juli 1820. Es legt der Gefährtin aus Portsmouth Berichte über nächtliche Unruhe und Äußerungen Nesbetts in den Mund und gibt dessen Erklärung wieder, von der Tat gewusst zu haben, samt seiner Schilderung unbekannter Mittäter; der Chronist behauptet schließlich dessen Alleintäterschaft, ohne die Gesamtheit der Beweismittel darzulegen. Der Besitz der Gegenstände, die angeblich Parker entwendete Brille, die Kleidung, das Schmuggelwesen, der angebliche Versuch, die Schusswaffe zu gebrauchen, sowie das Anerkennen der Strafe als gerecht werden als Feststellungen dieser Quelle oder ihrer Zeugen referiert. Der Originaltext enthält einen Druckfehler, der Parker einmalig als „Parsons“ benennt; die Darstellung hält sich an die Benennung Thomas Parker gemäß Überschrift und Haupttext. Recherche unter den 400 Berichten nach James/Nesbett/Nesbitt, James Watson, Thomas Parker, Sarah Brown, Woolwich, Portsmouth und den Tatumständen des Brandes; keine Personen- oder Ereignisdubletten festgestellt. Bei der Schlussredaktion zu verifizieren.

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