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Justiz & Skandale · England

Drei Pence und ein Farthing

London, 1722. Edmund Neal, Sohn eines Grobschmieds aus Warwickshire, wechselt unstet von Dienst zu Dienst, ehe er Knecht eines Schweinehändlers wird. Nach einem Zechgelage mit William Pincher überfällt er ein altes Ehepaar und raubt wenige Münzen. Zusammen mit drei weiteren Personen verurteilt, werden allein Neal und Pincher für den Richtplatz bestimmt.

Drei Pence und ein Farthing: Dies war die kärgliche Summe, die man Dormer abnahm, einem armen Greis, der des Weges kam und den seine Ehefrau begleitete. William Pincher hatte ihn zu Boden geworfen; Edmund Neal wälzte den Alten im Staub und durchsuchte seine Taschen. Beide Männer hatten gezecht und hernach den Entschluss gefasst, jeden Wanderer niederzuschlagen, den sie für begüterter oder glücklicher hielten als sich selbst. Gemessen an der Beute mochte der Fall geringfügig erscheinen; vor den Schranken des Gerichts wog er indessen schwer. Die rohe Grausamkeit gegen den wehrlosen Greis gab den Ausschlag: Allein Neal und Pincher wurden unter den Verurteilten für den Tod bestimmt.

Edmund Neal war der Sohn eines Grobschmieds aus Warwickshire, der denselben Namen trug. Der Vater hatte sich durch die Beschlagung und Pflege der Pferde der benachbarten Gutsbesitzer einen beträchtlichen Wohlstand erworben; man rief ihn wegen seines handwerklichen Geschicks in die vornehmsten Häuser. Oft nahm er den Knaben mit sich, doch vernachlässigte er nach den Worten des Chronisten dessen Unterweisung: Der junge Neal vermochte kaum einen zusammenhängenden Abschnitt zu lesen. Was er auf den Landsitzen der Vornehmen sah, weckte in ihm jenen Hang zum Wohlleben und Müßiggang, den die Chronik als den eigentlichen Ursprung seines späteren Ruins bezeichnet.

Die Verwandten gaben ihn zu einem Schneider in die Lehre. Das Handwerk widerstrebte ihm. Die Gesellen, auf die er zuvor herabgesehen hatte, verspotteten nun seine Ungeschicklichkeit. Etwa vier Jahre hielt er es bei seinem ersten Meister aus, vornehmlich deshalb, weil ein junger Arbeiter ihm von den Abenteuern der Hauptstadt vorschwärmte. Jener Geselle hatte mit einer Frau gelebt, die andere Männer betrog, um ihn auszuhalten; schließlich hatte sie ihn im Schlaf ausgeraubt und war mit einem neuen Buhlen entflohen, worauf er, von Schulden bedrängt, die Flucht ergreifen musste. Neal lauschte diesen Berichten mit glühendem Eifer und brannte darauf, jenes freie Leben nachzuahmen.

Nach dem Ableben seines ersten Meisters verdingte man ihn an einen zweiten, der die Werkstatt weniger streng beaufsichtigte. Neal hinterging diesen Mann, entwendete ihm Geld wie auch Tuche und ließ nachts Gestalten ein, die sich erst am Morgen davonstahlen, ehe der Meister erwachte. Dieses schändliche Treiben stürzte den Dienstherrn in den Bankrott. Neal stand mittellos da, ohne Freunde und ohne erlerntes Gewerbe, mit kaum zwei Schillingen in der Tasche. Zu Fuß schlug er den Weg nach London ein. Eine Frau, die er unterwegs traf, bot an, ihn zu begleiten; er willigte ein, in der Hoffnung, in der Hauptstadt werde das Geld so reichlich fließen, dass ihm keine Entbehrung drohe.

Die Metropole empfing ihn indessen wenig gastlich. Bekannte Landsleute wiesen ihn nach ein oder zwei Tagen aus ihren Wohnungen. Frauenspersonen, in deren Gesellschaft er geriet, verstrickten ihn in ein zügelloses Leben, aus dem er krank und entkräftet hervorging. Schließlich sah er sich nach einem ordentlichen Erwerb um und verdingte sich nacheinander bei zwei Bierbrauern als Schandkärrner. Doch die stete, schwere Fron ermüdete ihn rasch, und er suchte Anstellung an einem Ort der Belustigung. Nach vielen Mühen erlangte er einen Dienst im Vergnügungspark von Sadler’s Wells. Musik und Tanz berauschten ihn; er gestand später, er habe geglaubt, in eine andere Welt versetzt zu sein, wenn sich die Menge in den Scheunen beim Spiel der Geigen versammelte.

Auch dieses Vergnügen währte nicht lange. Neal suchte abermals einen festeren Halt und trat bei einem Schweinehändler in Dienst. Dort arbeitete er redlich und mit Fleiß. Doch der Herr geriet bald nach seiner Ankunft in Konkurs, und Neal beteuerte stets, sich in dieser Zeit nichts habe zuschulden kommen lassen. Er musste von neuem um sein Brot bangen. Die Chronik verlegt diese Begebenheiten in die Zeit des letzten Aufstands, als man mit Eifer Männer für den Seedienst des Königs anwarb. Neal ließ sich auf dem Kriegsschiff Gosport anwerben, das zu den westlichen Inseln Schottlands segelte. Dort litt er bitter unter der Kälte und dem schlechten Proviant; erst als das Schiff in den Westen Englands zurückkehrte, empfand er wieder so etwas wie Wohlbehagen. Nach Beendigung des Aufstands nahm er seine Entlassung mit Freuden an und zog abermals nach London.

Das gute Zeugnis, das er sich bei dem Schweinehändler erworben hatte, verschaffte ihm eine neue Stelle bei einem Mann desselben Gewerbes. Zuweilen vertraute man ihm zwanzig oder dreißig Pfund an, und er erwies sich der Gunst würdig. An diesem Ort lernte er William Pincher kennen. Zwischen beiden Männern entstand eine enge Vertrautheit. Eines Abends saßen sie im Wirtshaus Hampshire Hog bei reichlichem Trunk und beklagten ihr widriges Geschick. Je tiefer sie ins Glas schauten, desto finsterer ward ihr Sinn; sie beschlossen, hinauszugehen und jeden niederzuschlagen, der ihren Weg kreuzen sollte – gleichsam, um das vermeintliche Glück anderer zu strafen.

Die ersten Menschen, auf die sie stießen, waren Dormer und seine Ehefrau. Dem Bericht zufolge gingen die beiden Gesellen mit roher Gewalt gegen die Frau vor; Pincher stieß den betagten, hinfälligen Gatten zu Boden. Neal wälzte den Alten sodann im Schmutz und riss ihm das wenige Geld aus der Tasche: drei Pence und einen Farthing. Die Kläglichkeit der Summe mindert die Grausamkeit der Tat nicht. Die Räuber waren nicht auf eine bestimmte Beute ausgegangen; sie hatten die Passanten einzig deshalb angefallen, weil sie sie für glücklicher hielten als sich selbst.

Neal und Pincher wurden im November 1722 ergriffen und gemeinsam mit drei weiteren Personen vor Gericht gestellt. Der Gerichtshof rechnete ihnen vor allem das unmenschliche Betragen gegen den alten Dormer zur Last. Als der Todesbefehl eintraf, waren die beiden Kumpane die einzigen, die für die Hinrichtung ausersehen wurden; über das Schicksal der drei übrigen Verurteilten schweigt die Chronik. Auf dem Richtplatz räumte Neal ein, dass sein Tod ein gerechtes Urteil sei. Gleichwohl beharrte er darauf, dass er weniger für eine Raubabsicht oder den Willen zur Misshandlung leide als vielmehr für seine Trunkenheit. Diese Rechtfertigung vermochte freilich weder die Schläge noch die dem am Boden Liegenden entrissenen Münzen ungeschehen zu machen; sie bezeichnete lediglich die Art und Weise, wie Neal seine Schuld vor sich selbst auslegte.

Die Chronik berichtet auch über den Lebensweg Pinchers, des Gefährten in Verbrechen und Strafe. Nahe Lynn in Norfolk geboren, war er von einem wohlhabenden Herrn aufgenommen worden, der ihn nach dem Fortgang seines Vaters – dieser hatte sich als Soldat verdingt – erziehen wollte. Zunächst fleißig und von seinem Gönner begünstigt, verfiel Pincher bald dem Wirtshausleben. Obschon man ihn schließlich entließ, gab man ihm ein kleines Zehrgeld mit auf den Weg; er gelangte nach London und fand Arbeit im Schweinehandel. Er selbst erklärte später, er hätte bei Sparsamkeit ein ehrbares Auskommen finden können; doch der Hang zur Schenke trieb ihn zu bösen Ausflüchten. Pincher war es auch, der Neal zu jener verhängnisvollen Tat anstiftete, die beide vor den Richterstuhl brachte.

Nach Verkündung des Urteils ergab sich Pincher dem Gebet, dem Lesen der Schrift und den Psalmen. Der Chronist rühmt seinen untadeligen Wandel im Gefängnis und seine tiefe Reue. Neal hingegen war beim Nahen des Todes zunächst von einer tiefen Betäubung ergriffen; sein Verstand schien unter der Wucht von Furcht und Gram zu wanken. Erst auf dem Richtplatz fand er seine Fassung wieder. Im Alter von etwa dreißig Jahren starb er an der Seite Pinchers am letzten Tage des Jahres 1722. Der Chronist stellt das liederliche Leben beider Männer ihren letzten Stunden gegenüber; den Akten aber blieben die geringe Beute, die Schändung Dormers und Neals Versuch eingeschrieben, die Tat allein dem Rausch zuzuschreiben.

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Vollständige Lektüre von newgate-032, 1.848 Wörter einschließlich zweier redaktioneller Anmerkungen; SHA-256 der Quelle: 4cfe658ccaa5f2ed3447b157f0a1ea332193f43c6cd4f3bd64b800618e029663. Der Bericht stützt sich auf die Tatsachen des Haupttextes und lässt alle Details der editorischen Anmerkungen [21] und [22] unberücksichtigt. Die Quelle belegt die Verhaftung und Verurteilung von Neal und Pincher in der Novembersitzung 1722 sowie ihre Hinrichtung am letzten Tag desselben Jahres. Edmund Neal wird als Sohn eines Grobschmieds aus Warwickshire dargestellt, ferner als ehemaliger Schneiderlehrling, Brauereiarbeiter und Knecht im Schweinehandel. Der nach einer Zechtour im Hampshire Hog verübte Überfall auf Dormer und dessen Frau war das Verbrechen, für das Neal und Pincher zum Tode verurteilt wurden; die geraubte Summe betrug drei Pence und einen Farthing. Neal behauptete, eher für seine Trunkenheit zu büßen als für die Absicht, Dormer zu berauben oder zu misshandeln; diese Rechtfertigung wird ihm zugeschrieben, ohne sie als objektive Tatsache zu werten. Bereinigung von Doppelungen: Die Akte von Philip Roche (043) erwähnt einen vornamenlosen „Neal“, einen Fischer und Piratenkomplizen, der im Marshalsea-Gefängnis starb. Root hat beide Lebensläufe abgeglichen und ihre getrennte Erfassung autorisiert: Akte 032 benennt Edmund, den Schmiedssohn aus Warwickshire, und schildert den Überfall auf Dormer mit Pincher; Akte 043 nennt diesen Namen nicht und behandelt eine andere Person sowie maritime Delikte. Bericht 032 übernimmt keine Piratenepisoden. Moralische Urteile des Verfassers wurden als solche gekennzeichnet oder fortgelassen. Root: Alter bei Beginn der Lehre nicht genannt, daher gestrichen; Neals Erklärung erfolgte am Richtplatz, nicht bei der Urteilsverkündung; Tyburn wird im Text nicht namentlich erwähnt, Tag daher weggelassen.

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