Am Montag, dem 26. September 1859, weichen die Besucher des Zürcher Herbstmarktes zurück, um den Bütteln Platz zu machen, die einen soeben verhafteten jungen Mann abführen. Er flanierte mit seiner Verlobten und trug ein neues Gewand. Die Taschenuhr, die er tags zuvor veräußert hatte, sicherte ihm ein stattliches Zehrgeld. Seit den Morgenstunden ging das Gerücht um, man fahnde nach dem Mörder der Eheleute Schmid, die in ihrem Haus zu Volketswil erschlagen worden waren. Der Gefangene heißt Hans Jakob Kündig. Ehe der Abend hereinbricht, wird er den Doppelmord eingestanden haben.
Am Sonntagmorgen hatte der fünfzehnjährige Johann Dietschi von seiner Dienstherrin eine einfache Weisung erhalten: Er solle das Vieh erst dann auf die Weide treiben, wenn die Hausleute noch schliefen. Als er gegen acht Uhr zurückkehrt, findet er die Türen verschlossen und ein Fenster zur Friedhofsseite hin sperrangelweit offen. Er ruft, klopft an und vernimmt nichts. Er eilt davon, um Emerentia Wintsch, die Schwester Jakob Schmids, zu verständigen. Sie kehrt mit ihm zurück und heißt den Knaben, durch das Fenster einzusteigen, um von innen zu öffnen.
Sie durcheilen die Stube und steigen die Ofentreppe zur Schlafkammer empor. Hans Jakob Schmid und Anna, sein Weib, liegen Seite an Seite. Ihre Gesichter sind unkenntlich, die Schädel zertrümmert, das Bettlaken in Blut getränkt. Von Entsetzen gepackt, stürzt der Knabe die Stiegen hinab; seine Tante folgt ihm ins Freie. Binnen weniger Augenblicke lockt das Schreckenspostulat die Bewohner Volketswils herbei. Der Statthalter des Bezirks Uster nimmt die Untersuchung auf.
An der Küchentür finden sich die Spuren eines gewaltsamen Einbruchsversuchs. Eine Fensterscheibe wurde von außen eingeschlagen, doch Blutspuren am Rahmen lassen vermuten, dass der Täter sich auch beim Hinaussteigen verletzte. Die Kleider der Eheleute wurden aus Jakobs Schrank gerissen; jene Annas scheinen unberührt. Ein geheimes Fach oberhalb des Ofens steht offen. Darin liegt noch immer ein kleiner blauer Beutel mit Gold- und Silbermünzen. Die Grundstückeurkunden blieben auf dem Ofen zurück; das Protokoll vermerkt, dass der Geldbeutel den Blicken des Diebes entgangen war.
Eine friedliche Familie, eine Schlafstatt, ein erbrochener Schrank und ein geleertes Versteck: Die Indizien weisen auf einen Diebstahl hin, der in Mord umschlug. Doch weder eine verwertbare Fährte noch ein zurückgelassener Gegenstand nennen den Schuldigen. Die erste Spur verdankt man dem Bruder des Getöteten. Einen Monat zuvor hatte ein ehemaliger Dienstknecht bei Jakob Schmid übernachtet und war mit einem Mantel geflüchtet. Der nächtliche Gast hatte damals die verborgenen Papiere durchstöbert und ein Fenster offen gelassen. Sein Name war Hans Jakob Kündig.
Der Verdacht verdichtet sich, als ein Landmann unweit der Landstraße ein blutbeflecktes Beil auffindet. Kündigs Dienstherr, Gemeinderat Egli, erkennt das Werkzeug sogleich: Es lag sonst in seiner Remise. Kündig hatte den Hof am Sonntagabend verlassen und war nicht wiedergekehrt. Seine Braut, Margarethe Bruppacher, gibt an, sie seien gemeinsam nach Zürich aufgebrochen. Man stöbert ihn auf dem Marktplatz inmitten des Gedränges auf. Unter den Verwünschungen der Menge führen ihn die Landjäger zur Wache.
Auf die erste Frage des Untersuchungsrichters – wo er den vergangenen Samstag verbracht habe – erwidert Kündig, er sei nach Volketswil gegangen und habe die Schmids erschlagen, bei denen er einst gedient habe. Warum? „Ich wollte Kleider stehlen, weil es mir daran mangelte.“ Das Beil leugnet er nicht. Die verkaufte Taschenuhr, die verschenkten oder getragenen Kleidungsstücke, das Fenster, die Schnittwunde am Arm und das erbrochene Versteck erhärten ein Geständnis, das der Inquisit ablegt, ohne dass man es ihm mühsam entreißen müsste.
Der Mann, der nun Rede und Antwort steht, wurde 1838 als Kind einer armen, heimatlosen Familie im Kanton Zürich geboren. Der Vater stirbt, als der Knabe vier Jahre zählt. Die Mutter schickt ihn betteln, entzieht ihn der Schule und souffliert ihm Ausreden für seine Abwesenheiten. Der Junge stiehlt Obst und leidet Hunger. Nach dem Hinscheiden der Mutter verdingt ihn eine Fürsorgegesellschaft an einen Weber. Dort stiehlt er eine Nähnadel, erschleicht auf den Namen seines Meisters Brot, Würste und eine Weste auf Borg. Ein Diebstahl von fünf Franken trägt ihm sechs Wochen Zuchthaus ein.
In der Zelle teilt er das Lager mit einem älteren Dieb, der ihn in den Kniffen des Einbruchs unterweist und ihm versichert, Stehlen sei keine Sünde vor Gott. Später wird Kündig bekennen, diese Lehren nie vergessen zu haben. Ein Pfarrer und barmherzige Bauern nehmen sich seiner an. Er verrichtet sein Tagwerk ohne Tadel, bleibt schweigsam, meidet das Wirtshaus. Auf dem Rütihof, bei Egli, erholt er sich und gewinnt das Vertrauen seines Meisters.
Im Jahre 1856 hatte er jedoch bei den Schmids gedient, als diese noch ledig waren. Jakob behandelte ihn rau, schalt ihn und schlug ihn bisweilen, wenn etwas zu Bruch ging. Kündig hatte mit ihm im selben Bett geschlafen und beobachtet, wie jener Urkunden und Münzen in einem Geheimfach über dem Ofen verwahrte. Im August 1859, abermals in Geldnot, kehrt er ein, um die Nacht bei ihnen zu verbringen. Mitten im Gewitter öffnet er das Versteck, findet das Bargeld nicht, bemächtigt sich eines Tuchmantels und flieht durchs Fenster. Schmid findet seine Papiere und seine dreihundert Franken wieder. Er erstattet keine Anzeige; er wiegt sich im Glauben, der Bursche werde nicht wiederkehren.
Kündig jedoch kehrt zurück. Im Februar hatte er sich mit Margarethe, einer Bauerntochter, verlobt. Sie schilt ihn nicht ob seiner Armut und rät, die Hochzeit aufzuschieben, bis sie ein Sparpolster angelegt hätten. Er beharrt: Die Trauung soll an Lichtmess stattfinden. Er erwirbt eine Uhr für achtundfünfzig Franken, verausgabt sich für Kleidung, schenkt seiner Braut Stoffbahnen und sinnt auf den Wintermantel, nach dem sie verlangt. Ende September reichen seine Mittel nicht mehr hin, um das gegebene Wort zu lösen. Eine Woche vor der Bluttat empfängt er noch das Abendmahl. Am Samstag, dem 24., sehen ihn die Knechte pfeifend auf dem Felde arbeiten.
An jenem Abend, nachdem das Vieh versorgt ist, bricht er auf, versehen mit einem Beil und einem Draht aus einer Mausefalle – jenem Werkzeug, von dem ihm einst der Zellengenosse vorgeschwärmt hatte. Er marschiert nach Volketswil. Gegen ein Uhr nachts versucht er, die Küchentür mit dem Draht zu öffnen, und schlägt dann viermal mit dem Beil gegen das Holz. Schließlich zertrümmert er die Scheibe der Stube, schneidet sich beim Einstieg in den Arm und ersteigt die ihm wohlvertraute Treppe.
Die Kammer liegt im Dunkeln. Er betastet die Schlafenden, um die Lage ihrer Köpfe zu erkunden. Der erste Streich trifft Jakob. Anna erwacht und fragt, was da geschehe. Kündig gibt keine Antwort: Er lässt das Beil ein zweites Mal niederfahren, dann wendet er sich ihr zu. Sie ruft noch „Jesus!“, ehe ein weiterer Schlag sie für immer verstummen lässt. Später wird er bekennen, auf beide Eheleute noch wiederholt eingeschlagen zu haben. Sie bleiben regungslos im Blute liegen.
Er steigt hinab, um ein Zündholz zu holen, entzündet Licht und durchstöbert die Schränke. Der Geldbeutel sollte ihm kein zweites Mal entgehen, doch er vermag ihn nicht zu finden. Er rafft Röcke, Hosen, einen Überwurf, Hemden, einen Hut, einen Regenschirm, eine silberne Uhr und ein Gesangbuch zusammen. Er bündelt das Gut mit einem Strick und steigt durch dasselbe Fenster ins Freie. Auf dem Rückweg vermeint er, Schritte hinter sich zu hören; sooft er sich umschaut, pocht sein Herz zum Zerspringen. Nahe Zimikon entgleitet ihm das Beil. Gegen fünf Uhr kehrt er heim, verbirgt die Beute in einem Kasten und füttert das Vieh.
Am Sonntag veräußert er die Uhr und versucht, eine Hose zu verkaufen. Am Abend schenkt er Margarethe das Gesangbuch. Tags darauf trägt er einen Rock und den Hut des ermordeten Schmid auf jenem Markt, wo die Häscher ihn bereits suchen. Über die Herkunft seiner Kleider befragt, weicht er aus. Seiner Braut, die sein verstörtes Wesen bemerkt, entfährt ihm schließlich das Bekenntnis, er wolle am liebsten sterben.
Vor den Schranken des Gerichts konzentriert sich die Untersuchung auf den Vorsatz. Zunächst gibt Kündig an, er habe das Beil mitgenommen, um zu töten. Später behauptet er, er habe bloß stehlen wollen und der Entschluss zur Ermordung sei erst auf dem Weg gereift. Das Kriminalgericht erkennt jedoch auf Mord mit Vorbedacht: Das Werkzeug war gerüstet, das Opfer ausersehen, das Versteck ausgekundschaftet und der Angriff auf zwei wehrlos Schlafende mit unerbittlicher Folgerichtigkeit ausgeführt. Am 18. Oktober bekennt er sich des doppelten Mordes schuldig und empfängt das Todesurteil.
Der Staatsanwalt plädiert nicht auf Milde, doch zeichnet er den Inquisiten keineswegs als Ungeheuer. Er würdigt das Geständnis, die Reue, die Jugend, den Mangel an Erziehung und die Verwahrlosung. Sein Verteidiger verweist überdies auf die gesellschaftliche Vernachlässigung und die Kerkerhaft, in welcher ein heranwachsender Jüngling mit einem gewiegten Erzdieb zusammengesperrt worden war. Dem Grossen Rat des Kantons Zürich obliegt es zu entscheiden, ob das Urteil vollstreckt werden soll. Am 25. Oktober werfen die Ratsherren ihre Stimmen ein: eine schwarze Kugel für den Tod, eine weiße für die Begnadigung. Von 201 Stimmen lauten 102 auf Schwarz, 99 auf Weiß – das absolute Mehr liegt bei 101 Stimmen.
Am folgenden Morgen besteigt Kündig das Schafott, ohne die Menschenmenge wahrzunehmen, den Blick unverwandt auf den Geistlichen geheftet, der ihm die Gebete vorspricht. Die Chronik berichtet, er habe den Streich des Scharfrichters empfangen, nachdem er gemurmelt hatte: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist.“ Zu Zürich hinterlassen die drei Stimmen, die das Richtschwert von der Gnade trennten, eine ungelöste Frage: Traf die Gerechtigkeit einen Mörder, oder richtete sie das Kind, das die Gesellschaft einst hilflos hatte verwahrlosen lassen? Die Waffe, die man am Wegrand auflas, duldete indessen keinen Zweifel an der finsteren Tat, die jene Nacht besiegelt hatte.
