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Hochstapler & Vermögen · England

Die Grube unter den Steinplatten von Miniver Place

Bermondsey, 1849. Patrick O’Connor verschwindet spurlos, nachdem man ihn unweit des Hauses der Eheleute Manning gesehen hat; eine Woche darauf wird sein Leichnam unter dem Pflaster ihrer Küche freigelegt. Eisenbahnaktien, eine auf den Namen des Toten getätigte Transaktion und die eilige Flucht des Paares führen Frederick und Maria Manning vor die Geschworenen. Diese erklären beide des Mordes für schuldig, ohne dass die Gerichtsakten jeden einzelnen Handstreich der Bluttat lückenlos erhellen.

Die Grube gab ihr Geheimnis bei der ersten Durchsuchung des Hauses noch nicht preis. Am 14. August 1849 betraten Polizeibeamte das Anwesen Miniver Place Nr. 3 in Bermondsey; erst am 17. August, nachdem sie zwei schwere Steinplatten in der hinteren Küche angehoben hatten, stießen sie unter Schutt, Erdreich und ungelöschtem Kalk auf die sterblichen Überreste von Patrick O’Connor. Frederick und Maria Manning wurden in der Folge wegen Mordes vor Gericht gestellt. Die Verhandlungsniederschrift bezeugt ihre Verurteilung zum Tode, vermag jedoch für sich allein weder die genaue Todesstunde noch das gesamte Geschehen im Inneren des Hauses zweifelsfrei zu rekonstruieren.

Noch vor der Vernehmung der ersten Zeugen sah sich das Gericht veranlasst, eine Vorfrage über den Rechtsstatus der Angeklagten zu entscheiden. Der Verteidiger Marias beantragte, ihr ein Geschworenengericht zuzugestehen, das zur Hälfte aus Ausländern zusammengesetzt sei, da sie als Untertanin fremder Mächte, als *alien*, gelte. Die Anklagebehörde hielt dem entgegen, dass ihre Eheschließung mit einem gebürtigen britischen Untertanen ihre Rechtsstellung grundlegend verändert habe. Der Lord Chief Baron schloss sich dieser Rechtsauffassung an: Nach Maßgabe der von ihm zitierten Gesetzesbestimmungen sei Maria fortan wie eine naturalisierte Person zu behandeln. Das Gesuch um eine solche Sonderjury wurde abgewiesen. Es handelte sich hierbei allein um ihren bürgerlichen Stand, keineswegs um den Beweis ihrer Schuld.

Patrick O’Connor stand als Eichmeister im Dienste der Zollverwaltung und wohnte seit nahezu fünf Jahren bei den Schwestern Harmes in der Greenwood Street. Am 8. August begleitete ihn Pierce Walsh in das Haus der Mannings. Maria fragte ihn, warum er nicht zum Mahle erschienen sei; O’Connor erwiderte, er habe ihre briefliche Einladung nicht erhalten. Nachdem man über geschäftliche Angelegenheiten gesprochen und die Pfeife geraucht hatte, klagte er über Unwohlsein. Die Eheleute Manning boten ihm Branntwein und Wasser an, wovon er jedoch nicht kostete. Er erholte sich alsbald und verließ die Räumlichkeiten in Begleitung von Walsh gegen ein Viertel nach elf Uhr bei scheinbar bester Gesundheit.

Am darauffolgenden Tage wollen ihn mehrere Zeugen in der Nähe der London Bridge mit Blickrichtung auf Bermondsey gesehen haben. Zwei Zollbeamte bemerkten ihn gegen ein Viertel vor fünf Uhr; ein dritter erblickte ihn nur wenige Minuten später, unweit von Miniver Place, gegen zehn Minuten nach fünf Uhr. Diese Wahrnehmungen wiesen O’Connor den Weg in Richtung jenes Hauses zu, ohne indes zu belegen, dass er dessen Schwelle tatsächlich überschritten hatte. James Younghusband bekundete hingegen, ihn gegen ein Viertel nach fünf Uhr auf der Brücke erblickt zu haben, wie er gemessenen, zögerlichen Schrittes in Richtung der City ging und verharrte; er hatte ihn jedoch von einem Omnibus aus nur für eine halbe Minute im Blick behalten können. Diese Zeugenaussage durchkreuzt die Reiseroute, welche die übrigen Berichte nahezulegen schienen, und die Gerichtsakte vermag diese widersprüchliche Wegbewegung nicht aufzulösen. In seiner Unterkunft erschien O’Connor nicht wieder. Als sich Amtskollegen nach seinem Verbleib erkundigten, verstrickte sich Maria in wechselnde Angaben darüber, wann sie ihn zuletzt gesehen habe und zu welchen Stunden sie seine Wohnung aufgesucht habe. Anna Harmes ihrerseits sagte aus, Maria am Donnerstag- wie am Freitagabend empfangen zu haben, wo sie jeweils über eine Stunde lang allein im Zimmer O’Connors verweilt habe.

Die Verhandlungsakten wissen von keinem Augenzeugen der Tötungshandlung zu berichten. Die erste Nachsuchung im Hause war fruchtlos geblieben. Als die Beamten abermals vorstellig wurden, fiel dem Polizisten Barnes ein feuchter Streifen zwischen den Fugen zweier Bodenplatten auf. Gemeinsam mit seinem Kollegen Burton hebelte er das Gestein empor. Unter dem Mörtel lag lockere Erde; in einer Tiefe von etwa dreißig Zentimetern trat schließlich ein menschlicher Fuß zutage. Der Leichnam war bäuchlings verscharrt worden, gänzlich entkleidet, mit angezogenen und fest verschnürten Beinen, ringsum von ungelöschtem Kalk bedeckt. Die Beamten hievten die Leiche aus der Gruft und betteten sie in der vorderen Küche auf.

Der Wundarzt Lockwood entnahm dem Munde des Toten ein künstliches Gebiss, welches ein Zahnarzt als eine von ihm für O’Connor gefertigte Arbeit wiedererkannte. Überdies stellte er ein Projektil fest, das unter der Haut oberhalb des rechten Auges saß, sowie eine klaffende Öffnung in der Schädeldecke und mehrfache Knochenbrüche. Die Hieb- und Schusswunden waren von hinreichender Schwere, um den Tod herbeizuführen; auch die Schussverletzung für sich genommen hätte unweigerlich tödlich geendet. Wann die Verwundungen beigebracht worden waren, vermochte der Mediziner nicht zu bestimmen. Er schätzte, dass der Leichnam seit wenigstens einer Woche unter der Erde gelegen habe, wobei der beißende Kalk den Verfall des Gewebes merklich beschleunigt hatte. Das Obduktionsprotokoll erlaubte somit zwar die Identifizierung des Opfers und die Verzeichnung der Wunden, ließ jedoch weder das genaue Datum des Hinscheidens noch die zeitliche Abfolge der Misshandlungen erkennen.

Der Fund der Grube bildete nur einen Teil der sachlichen Ermittlungen. Ein Maurer, der im Hause der Mannings gearbeitet hatte, bezeugte, Frederick habe im Juli einen Scheffel Kalk erworben, vorgeblich um die Schnecken im Garten zu vertilgen. Ein Tagelöhner hatte diesen auf Geheiß des Hausherrn in die hintere Küche getragen. Wenige Tage nach dieser Lieferung bestellte Frederick überdies eine schwere eiserne Brechstange. Der Bote, welcher das Werkzeug überbrachte, gab zu Protokoll, Manning habe sich daran gestoßen, dass das Eisen unverhüllt dalag, und habe angeordnet, es sorgsam in Packpapier einzuwickeln. Dieses Brecheisen fand sich bei der späteren Durchsuchung nicht mehr im Hause; ein Mediziner erklärte, ein derartiges Rüstzeug könne wohl einige der Knochenzertrümmerungen verursacht haben, räumte jedoch zugleich ein, man könne diese Spuren nicht mit Gewissheit ausschließlich auf ein solches Werkzeug zurückführen. William Massey, ein Medizinstudent, der seinerzeit zur Untermiete bei den Mannings gewohnt hatte, berichtete, Frederick habe ihn gefragt, welche Arznei wohl geeignet sei, einen Menschen derart zu betäuben, dass er gleichwohl noch zu schreiben vermöge. Unmittelbar davor oder danach – so seine Erinnerung – habe Manning davon gesprochen, O’Connor zur Unterzeichnung eines Schuldscheins über 500 Pfund zu veranlassen. Massey glaubte sich zu entsinnen, dass Maria bei der Erkundigung nach den Betäubungsmitteln zugegen gewesen sei; ferner erwähnte er Fragen nach der verletzlichsten Stelle des menschlichen Schädels sowie nach dem Schallpegel einer Windbüchse. Diese Aussagen belegen, was Massey damals zu Protokoll gab, nicht jedoch, dass ein solches Vorhaben in dieser Weise zur Ausführung gelangte.

Am 8. August kaufte Maria eine kleine Kehrschaufel aus Blech. Zwei Tage später fand sich die zwölfjährige Hannah Firman ein, um das Haus zu reinigen. Sie bemerkte nahe dem Kohlenverschlag einen Korb, der augenscheinlich mit Kalk ausgestreut gewesen war. Sie berichtete ferner, man habe ihr aufgetragen, diesen Korb auszuwaschen, vermochte jedoch über weitere Beobachtungen keine Auskunft zu geben. Am Tage, als die Leiche exhumiert wurde, vermochten die Gendarmen keine Schaufel mehr im Hause zu entdecken. Diese Gerätschaften warfen ein bezeichnendes Licht auf die Umstände, ohne für sich genommen ihren tatsächlichen Gebrauch unwiderlegbar darzutun.

Eine weitere Kette von Verdachtsmomenten knüpfte sich an die Vermögenswerte O’Connors. Er besaß Eisenbahnaktien, die mittels Inhaberzertifikaten übertragen werden konnten. Im Juli und zu Beginn des Augusts hatte er solche über Makler erworben; die Nummern etlicher Zertifikate, welche man später im Reisegepäck Marias sicherstellte, stimmten mit den auf O’Connor eingetragenen Papieren überein. Gleichwohl hatte sie sich zuvor bei einem Makler erkundigt, welche Papiere sie in Paris ohne Zustimmung ihres Gatten veräußern könne. Dieser hatte ihr zu französischen Werten geraten. Maria gab später an, manche der Papiere hätten ihr von jeher gehört, andere seien von O’Connor für ihre Rechnung erworben worden. Die Zertifikate wiesen unverkennbare Verbindungen zwischen ihren Finanztransaktionen nach, bewiesen für sich allein jedoch nicht die unrechtmäßige Herkunft jedes einzelnen Titels.

Am 11. August begab sich Frederick in Begleitung eines gewissen John Bassett zu einem Effektenhändler. Bassett setzte eine Abtretungsurkunde auf, die auf den Namen O’Connor lautete, und der Mann wies sich mit den Papieren aus, als stünde ihm dieser Name rechtmäßig zu. Der Handlungsgehilfe Hammond sah, wie Bassett ihm einhundert Pfund in Banknoten, eine Fünfpfundnote und fünf Sovereigns aushändigte. Ein Makler, der sich im nämlichen Raume aufhielt, sah den Fremden die Übertragungsurkunde zeichnen, vermochte ihn jedoch später nicht als Manning wiederzuerkennen. Der Beamte der Transferabteilung gab an, dass keine spätere Übertragung dieser Aktien in den Hauptbüchern verzeichnet worden sei. John Blatchford, der Sachwalter O’Connors, erklärte rundweg, der Namenszug stamme nicht von der Hand des Verstorbenen. Webb Shillibeer, ein Advokat, der den Schriftzug O’Connors zuvor nie zu Gesicht bekommen hatte, urteilte, die Unterschrift weise eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Schriftzügen im Haupttext des Dokuments auf. Hammond hingegen identifizierte Manning zweifelsfrei als jenen Mann, der die Barschaft in Empfang genommen hatte. Das Beweismaterial verknüpfte mithin Schriftstücke, geschäftliche Vorgänge und Zeugenaussagen von höchst ungleicher Beweiskraft.

Nach dem Verschwinden O’Connors veräußerten die Eheleute Manning ihr Mobiliar an Charles Bainbridge. Frederick erklärte dem Händler, er schicke seine Gattin zur Erholung aufs Land, nächtigte daraufhin noch zweimal in den geleerten Räumen und reiste sodann mit einer Droschke samt Gepäckstücken ab. Maria hatte Miniver Place bereits am 13. August den Rücken gekehrt. Ein Kutscher hatte sie mit zwei Truhen und Körben zu einem Bahnhof gefahren; auf den Gepäckzetteln hatte sie den Namen Smith und den Bestimmungsort Paris angegeben. Zeugen machten sie wenig später in Edinburgh ausfindig. Dort beschlagnahmte die Polizei in ihrem Reisegepäck besagte Aktienzertifikate, Banknoten und Goldmünzen.

Frederick wurde auf der Insel Jersey festgenommen. Auf dem Transport dorthin erklärte er den Begleitbeamten, Maria habe O’Connor erschossen und eigenhändig verscharrt. Er wiederholte diese Beschuldigung gegenüber einem zweiten Polizisten und schmückte sie mit Schilderungen über ein gemeinsames Mahl, einen Wortwechsel und den tödlichen Schuss aus. Bei diesen Äußerungen handelte es sich um die Worte eines Beschuldigten in Haft, überliefert durch die Berichte der Häscher; sie wurden durch keinen unabhängigen Zeugen des Geschehens untermauert. Sie standen überdies im Widerspruch zum Obduktionsbefund: Die Wundärzte hatten schwere Hieb- und Trümmerverletzungen am Schädel festgestellt, neben der Schusswunde, ohne jedoch eine zeitliche Reihenfolge festlegen zu können. Der Gerichtshof durfte die Bezichtigung des Ehemannes rechtlich keineswegs als Geständnis der Maria Manning werten.

Ebenso schwankend nahmen sich Marias eigene Einlassungen aus. Nach ihrer Festnahme stritt sie jede Beteiligung an der Bluttat ab und beteuerte, O’Connor sei „ihr bester Freund“ in London gewesen, der sich ihr gegenüber stets wie ein Vater verhalten habe. Sie behauptete, ihn nach jenem Mittwoch vor seinem Verschwinden nicht mehr gesehen zu haben, gab dann jedoch zu verstehen, sie habe ihn aufsuchen wollen, als er nicht zum Gastmahl erschienen sei. Die Schwestern Harmes sagten indes aus, sie habe am Donnerstag wie am Freitag in seiner Behausung geweilt, und die in ihren Koffern vorgefundenen Aktienzertifikate belegten ihre geschäftlichen Verflechtungen. Derlei Widersprüche mochten den Verdacht erhärten; einem unmittelbaren Beweis der Mordtat kamen sie nicht gleich.

Die Geschworenen sprachen Frederick wie Maria schuldig. Der Prozessbericht gibt die Urteilsgründe der Geschworenen nicht im Einzelnen wieder und gestattet es nicht, die Handlungen beider Angeklagten exakt gegeneinander abzugrenzen. Gleichwohl fügte sich eine Kette von Indizien zusammen: O’Connor begibt sich zum Haus der Mannings und verschwindet; sein Leichnam wird unter dem Küchenboden verscharrt; das Paar kauft Kalk und schweres Werkzeug; auf seinen Namen lautende Papiere und eine angefochtene Abtretung tauchen im Rahmen einer Finanztransaktion auf, bei der Frederick Geld empfängt; beide fliehen überstürzt aus London, ehe der Zugriff erfolgt. Gegen beide wurde das Todesurteil ausgesprochen. An dieser Stelle brechen die Berichtsakten ab. Sie bezeugen ein gemeinschaftliches Verdikt, hinterlassen jedoch weder ein vollständiges Bild des Tathergangs noch Kunde über den weiteren Fortgang der Justiz nach Verkündung der Strafe.

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