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Die Gefängnisse Europas · Band VIII · Maquet & Alboize, 1845

Die Salpêtrière

Paris · Frankreich · 17. Jahrhundert (Ludwig XIV.) – Revolution
« Erstes Gefängnis der Bettler. — Maison de Force. »Die Gefängnisse Europas · Band VIII
Hier wurden eingekerkert
  • Jeanne Kerdalec (und der Herzog von Aiguillon)
  • die Gräfin von Valois-La Motte (Jeanne de La Motte, Halsbandaffäre)
  • Françoise Vautrin
  • Thérèse Ubiez
  • die Frau Desrues
Chronologie
  • Regierungszeit Ludwigs XIV.Ursprung der Salpêtrière: Edikte Ludwigs XIV., erstes Gefängnis der Bettler und Zuchthaus für Frauen
  • 18. JahrhundertGeschichte der Jeanne Kerdalec und des Herzogs von Aiguillon (unveröffentlichte Briefe); ihr Tod in der Salpêtrière
  • 1786 (zu prüfen)Die Gräfin von Valois-La Motte (Halsbandaffäre der Königin): ihre Hinrichtung/Brandmarkung und ihre Flucht
  • September 1792Septembermorde in der Salpêtrière: fünfunddreißig Tote
Reihe Die Gefängnisse Europas (8 Bände, nach Maquet & Alboize) — erste moderne Ausgabe, neu gesetzt und annotiert nach den Quellen der Gallica. In Vorbereitung.
📍Paris · Frankreich
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🕯️ Abendchronik · Die 20 Mythischen Gefängnisse Europas & Der Fall PicaudAbendlektüre · ~6 Min.

Der Schatten mit dem doppelten V: Die Flüchtige der Salpêtrière

Wie die Gräfin der Halsbandaffäre dem Glüheisen der Henker trotzte, ehe sie spurlos aus den gefürchtetsten Kerkern des Königreichs entwich.

Das Glüheisen und das Büßergewand

Am Morgen des 21. Juni 1786 atmet der Mai-Hof vor dem Pariser Parlement einen beklemmenden Geruch nach Gewitter und Zündschwamm. Vor einer wogenden, dicht gedrängten Menschenmenge wehrt sich eine Frau wie ein wildes Tier gegen die schwieligen Fäuste der Henkersknechte. Es ist Jeanne de Valois-Saint-Rémy, Gräfin de La Motte – die geniale und verruchte Urheberin jenes Skandals, der soeben den Thron Frankreichs in seinen Grundfesten erschüttert hat: die Affäre um das Halsband der Königin. Verurteilt dazu, mit Ruten gepeitscht und auf beiden Schultern mit dem glühenden Eisen eines »V« für Voleuse – Diebin – gebrandmarkt zu werden, beugt die Abenteurerin nicht den Nacken. Sie stößt Verwünschungen aus, beißt die Schinder bis aufs Blut, zerfetzt ihr Gewand; das rotglühende Eisen gleitet von ihrer Schulter ab und brennt sich mit grauenhaftem Zischen in ihre Brust. Ohnmächtig, blutüberströmt und von Speichel bedeckt, wird sie auf den Boden einer verschlossenen Droschke geworfen, deren Räder sich alsbald in den zähen Schlamm der Vorstadt Saint-Victor eingraben. Ihr Bestimmungsort: die Salpêtrière.

Das riesige, von Ludwig XIV. gegründete Hospiz-Gefängnis ragt an der Mündung der Bièvre in die Seine wie eine Zitadelle der Verlassenheit empor. Hier sperrt man ein, was die Hauptstadt nicht zu erblicken wagt: in den Kloaken des Unterhofs angekettete Wahnsinnige, unheilbare Bettlerinnen, Dirnen und Staatsverbrecherinnen. Als das schwere, eisenbeschlagene Eichentor hinter Jeanne ins Schloss fällt, unterzeichnet der Gefängnisschreiber ein Aufnahmebuch, dessen Eintrag einem Urteil zum lebendigen Begräbnis gleichkommt: lebenslänglich in der Maison de Force.

« Die mächtigen Gewölbe der Salpêtrière schienen erbaut, um der Zeit und der Gerechtigkeit der Menschen zu trotzen; noch nie war der Nachen einer Verstoßenen aus diesem Meer aus Morast und Eisen wieder aufgetaucht. »

Die Zitadelle des Elends

In der Salpêtrière bildet der Trakt der Force eine Welt für sich, vom übrigen Heer der Unglücklichen durch hohe, mit scharfzackigem Eisen gekrönte Gitter geschieden. Die Schließer schwingen hier Peitsche und Schlüsselbund mit routinierter Grausamkeit. Doch bereits in den ersten Wochen ihrer Einkerkerung geht die berühmte Gefangene keineswegs in der Masse der Verurteilten unter, die in graues Grobtuch gehüllt sind. Trägt ihr Leib auch die schwärende Wunde des königlichen Feuers, so bleibt ihr Geist doch ungebrochen, geschärft durch Hass und Hochmut.

Die Anstaltsleitung, zutiefst verängstigt über die Staatsgeheimnisse, deren unfreiwillige Trägerin Jeanne ist – Bekenntnisse, die Marie-Antoinette bis an die Kehle mit Schmach besudeln könnten –, isoliert sie im Schlafsaal der Unheilbaren oder in einer gesonderten Zelle, überwacht von einer ergebenen Magd, Schwester Marianne. Von draußen regen sich unsichtbare Hände. Am Hof von Versailles wie in den geheimen Kabinetten der Pariser Polizei zittern einflussreiche Persönlichkeiten vor der Aussicht, ein Wiederaufnahmeverfahren könne den Brand von neuem entfachen. Bald beginnen Louisdor unter den Kitteln der Kerkermeister zu wandern. Ein dienstbarer Schatten schmuggelt feines Leinen hinein, Salben für ihre Wunden und vor allem eine Verheißung: Die Mauern der Salpêtrière waren nicht höher als die Kühnheit einer Frau, die entschlossen war, in Freiheit zu leben.

Die Verschwörung unter dem Chorgewand

Nahezu ein Jahr verstreicht in der eisigen Finsternis der Schlafsäle, in denen sich das Gebrüll der Wahnwitzigen mit dem unablässigen Klirren der Riegel mengt. Der Mai 1787 neigt sich unter drückender Schwüle seinem Ende zu. Die Gräfin hat ein entscheidendes Bündnis geschlossen. Marianne, gerührt von ihren Tränen oder verführt durch das Versprechen fabelhafter Belohnungen aus England, wird zum Haupttriebfeder der Verschwörung. Die Fäden reichen noch höher: Vertraute des Herzogs von Luxemburg oder des Hauses Rohan manövrieren hinter den Kulissen, um diese lästige Zeugin vom politischen Schachbrett Frankreichs verschwinden zu lassen.

Eines Abends wird ein namenloses Bündel am Fuß von Jeannes Strohsack abgelegt. Darin befinden sich: eine grobe Männerhose aus Barchent, eine kurze Matrosenjacke, ein Halstuch aus derbem Tuch und ein runder Hut mit breiter Krempe. Die Flucht ist auf die Minute berechnet – genau in jenen Augenblick gelegt, da die Wachsamkeit der Posten nachlässt, zwischen dem Abendgottesdienst und dem Schließen der Zwischengitter. Drei Tage lang täuscht Jeanne eine tödliche Schwäche vor, vergräbt sich in ihre Decken, um die Aufseherinnen an ihr Fernbleiben von den gemeinsamen Höfen zu gewöhnen. Die Riegel ihrer Zelle werden von nun an – eine wohlfeil erkaufte Nachlässigkeit – nur noch bis zur ersten Kerbe vorgeschoben.

Die Bresche der Vorstadt

Am 5. Juni 1787, in der unbestimmten Stunde der Dämmerung, da die Umrisse mit dem verfallenen Bruchsteinmauerwerk der alten Wälle verschmelzen, schneidet Jeanne ihr Haar kurz und streift das Mannesgewand über. Ihr Herz schlägt in wilden Stößen gegen ihre zerschundenen Rippen. Geleitet von Marianne durcheilt sie den schlafenden Saal, huscht an den verlassenen, unratbedeckten Höfen entlang und gelangt in den Saint-Antoine-Hof. Eine verborgene Pforte, die zu den Gärten der Gefängnisbeamten führt, gibt unter dem Druck eines mitschuldigen Schlüssels lautlos nach.

Vor ihr tut sich die letzte Umwallung auf: eine niedrige Mauer, die durch Schanzarbeiten überwindbar geworden ist. Die Gräfin setzt an, zerreißt sich die Hände an Dornengestrüpp und klaffenden Steinen, gewinnt Halt auf einem Schutthaufen und springt ins Leere. Mit dumpfem Aufschlag landet sie auf dem fetten Erdreich des Boulevard des Gobelins. Sie ist frei. Keine Stunde später trägt sie ein Mietwagen durch die Nacht auf die Straße nach Flandern, von wo aus sie London erreichen wird, um dort ihre brandgefährlichen Memoiren drucken zu lassen.

Am folgenden Tag löst die Entdeckung der leeren Zelle im Parlement und bei der Polizeileutnanz ein wahres Erdbeben aus. Die Register der Salpêtrière tragen bis heute jenen fassungslosen Vermerk über dieses Verschwinden, das wie ein Schlag ins Gesicht der verfallenden Monarchie widerhallte. Die Abenteurerin mit dem doppelten »V« hatte bewiesen, dass vor dem unbändigen Willen, seine Eisen zu zerbrechen, selbst die königlichen Bastillen nichts weiter sind als Gräber aus Lehm.