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Die Kerker Europas · Band II · Maquet & Alboize, 1845

Das For-l'Évêque

Paris · Frankreich · Mittelalter (bischöfliche Gerichtsbarkeit) – Abbruch im 18. Jahrhundert
„Das Zuchthaus von Brest wird nicht immerdar so lachen wie die Kammer der Schauspieler im For-l'Évêque.“Die Kerker Europas · Band II
Eingekerkert wurden hier
  • Maximilian von Bayern
  • Cartouche und seine Spießgesellen
  • Fréron
  • Mademoiselle Clairon
  • Mademoiselle Arnoux
  • Lekain, Molé, Brizard, Dauberval (Schauspieler)
Chronologie
  • Regierungszeit Philipp Augusts (zu prüfen)Gründung des geistlichen Gefängnisses des Bistums; Vertrag zwischen Philipp August und dem Bischof von Paris (bischöfliche Gerichtsbarkeit)
  • Regierungszeit Ludwigs XIV. (zu prüfen)Zweiter Vertrag unter Ludwig XIV.: Das For-l'Évêque wird zum weltlichen Gefängnis (Schuldner, Ruhestörer, Schauspieler)
  • 18. Jahrhundert (zu prüfen)Fréron nach dem Zorn eines Ministers über L'Année littéraire eingekerkert
  • 1765 (zu prüfen)Einkerkerung von Mademoiselle Clairon und den Schauspielern des Théâtre-Français (Affäre um Le Siège de Calais / Weigerung, mit Dubois zu spielen)
  • 18. Jahrhundert (zu prüfen)Aufhebung des For-l'Évêque als Gefängnis und dessen Abbruch
Reihe Die Kerker Europas (8 Bände, nach Maquet & Alboize) — erste neuzeitliche Ausgabe, neu gesetzt und mit Anmerkungen versehen anhand der Quellen der Gallica. In Vorbereitung.
📍Paris · Frankreich
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🕯️ Abendchronik · Die 20 Mythischen Gefängnisse Europas & Der Fall PicaudAbendlektüre · ~6 Min.

Das Theater auf dem Stroh: Als Melpomene den Ketten des For-l’Évêque trotzte

Im April 1765 verwandelte die berühmteste Tragödin Frankreichs das fauligste Verlies von Paris in einen Salon des Ungehorsams gegen die königliche Willkür.

I. Die steinerne Höhle und der Schlamm des Stroms

Im Herzen von Paris, eng an das rechte Seineufer zwischen der Rue Saint-Germain-l’Auxerrois und dem Quai de la Mégisserie geschmiegt, erhob sich einst ein Ungetüm mittelalterlichen Mauerwerks, dessen bloßer Name Schuldner wie Raufbolde erbleichen ließ: das For-l’Évêque. Erbaut in jenen fernen Tagen, da die Bischöfe von Paris sich anmaßten, über die Leiber der Menschen zu richten, noch ehe Gott ihre Seelen erforscht hatte, bewahrte dieses düstere Tribunal, das unter dem Sonnenkönig in ein weltliches Gefängnis verwandelt worden war, zeitlebens den ranzigen Pesthauch seiner klerikalen Ursprünge. Man betrat es durch ein niedriges, von Finsternis erdrücktes Gewölbe, wo der Gerichtsschreiber mit tintenbeschmierten Fingern unter dem Schein einer qualmenden Funzel das Einkerkerungsregister führte – einer Lampe, die mit dem Fett Gehenkter gespeist schien.

Tiefer unten, in den Eingeweiden des Gemäuers, trugen die unterirdischen Lochgefängnisse Schreckensnamen: die Kufe, der Brunnen, die Schlächterei. Schwoll die Seine unter den herbstlichen Regengüssen an, so sickerte das brackige Wasser durch die Fugen des Mörtels und stieg den Verbrechern und den Spießgesellen Cartouches bis an die Knöchel. Sie faulten dort auf nassem Stroh dahin und stritten mit den Kanalratten um die Krume ihres schwarzen Brotes. Doch im For-l’Évêque besaß die Hölle ihre Stockwerke. Gehörte der finstere Schlund den heillosen Dieben, so beherbergten das Dachgeschoss und das erste Hauptgebäude eine gar sonderbare Fauna: unverschämte Pamphletisten wie den giftigen Fréron, am Spieltisch ruinierte Edelleute und vor allem die ordentlichen Schauspieler des Königs, die von der Hofgewalt bei der geringsten Laune einer fürstlichen Vorkammer in Ketten geworfen wurden.

II. Die Weigerung um die „Belagerung von Calais“

Der Funke entzündete sich am 15. April 1765 auf den erlauchten Brettern des Théâtre-Français. Man gab Le Siège de Calais von Dormont de Belloy, ein vaterländisches Drama, das damals das bürgerliche Parterre in helle Begeisterung versetzte. Nun zählte die Truppe jedoch einen gewissen Dubois zu ihren Reihen – einen verrufenen Mimen, einen Meineidigen und wegen schändlicher Schulden Verfolgten, den die Kammerherren seinen Gefährten mit Gewalt aufzwingen wollten. Für das Ensemble war die Schmach untragbar: An der Seite eines mit Schande Gebrandmarkten zu spielen, hieß den Purpur der Bühne zu besudeln.

Zur Stunde, da der Vorhang sich heben sollte, weigerten sich die Meister der Szene – der gewaltige Lekain mit seinen Donnerakzenten, der jugendliche Held Molé, Brizard und die unvergleichliche Mademoiselle Clairon – rundweg aufzutreten. Die Wut des Publikums entlud sich tosend im Saal; Bänke wurden zertrümmert, man schrie nach Aufruhr. Zu Versailles erbleichte der Herzog von Duras, Erster Kammerherr Seiner Majestät, vor Demütigung: Gekaufte Histrionen, bloße besoldete Knechte der Krone, unterstanden sich, den Befehlen des Herrn zu trotzen? Der Richterspruch ließ nicht auf sich warten. In aller Eile wurden fünf Lettres de cachet besiegelt. Die Polizeihäscher erhielten Weisung, die Meuterer beim ersten Hahnenschrei aus den Betten zu holen und sie auf der Stelle ins For-l’Évêque abzuführen.

III. Eine Königin der Tragödie unter dem Schließriegel

Am 17. April bot die Rue Saint-Germain-l’Auxerrois ein Schauspiel, wie es noch keine Bühne zu inszenieren gewagt hatte. Während Lekain und Molé unter dem Geleit berittener Gendarmen das Schlupftor durchschritten, hielt vor dem schweren, eisenbeschlagenen Portal des For-l’Évêque eine funkelnde Berline, bespannt mit vier feurigen Rossen und umschwärmt von einer Schar livrierter Lakaien. Der Wagenschlag öffnete sich: Mademoiselle Clairon erschien. Gehüllt in schwarzen Taft wie für die Rolle der Elektra oder der Phädra, stolz, mit fürstlich erhobenem Haupte, maß sie den verblüfften Schließer, der seinen gewaltigen Bund rostiger Schlüssel umklammerte.

„Der König, mein Herr, gebietet über mein Leben und meine Güter“, sprach sie mit einer Stimme, die bis in die modrigen Gänge des Kerkers widerhallte. „Doch meine Ehre gehört mir allein, und Seine Majestät selbst besitzt nicht die Macht, sie mir zu rauben.“

Die Eintragung ins Gefängnisbuch glich dem Protokoll eines Triumphes. Das Massenverlies, in dem die hungernden Schuldner verkümmerten, wies die Tragödin mit Verachtung zurück und verlangte die vornehmste Zelle der Kostgänger. Binnen weniger Stunden verwandelten ihre Diener die nach Kalk und Talg stinkende Kammer: Wände wurden mit kostbarem Damast bespannt, türkische Teppiche verdeckten die schadhaften Fliesen, und man errichtete ein Himmelbett, dessen schwere Samtvorhänge die eisernen Gitterstäbe über dem Unrat des Quais verhüllten. Die Gefangene war nicht gekommen, um eine Strafe zu erdulden: Sie hielt Hof in den Kerkern des Monarchen.

IV. Der Salon der Aufbegehrenden und das Ende der Kloake

Was eine exemplarische Erniedrigung hätte sein sollen, wuchs sich zur Schmach für die Macht aus. Bereits am Tage nach der Festnahme ward das For-l’Évêque zum Sammelpunkt all dessen, was Paris an Philosophen, Enzyklopädisten und frondeurischen Hochadligen zählte. Eine unabsehbare Kette aristokratischer Karossen verstopfte die Gasse; Diderot, d’Alembert und die Parteigänger Voltaires drängten sich an der Luke, um Körbe erlesener Weine, getrüffelte Rebhühner und glühende Huldigungsbriefe hinaufschaffen zu lassen. Die Stube der Komödianten hallte wider von Gelächter, Deklamationen und Trinksprüchen auf die Freiheit der Kunst, während tief unten die verdutzten Kerkermeister Trinkgelder einstrichen wie gewöhnliche Theaterdiener.

Zu Versailles begriff man gar bald die Lächerlichkeit des Unterfangens: Indem die Krone lebende Monumente züchtigte, hatte sie sich selbst mit Schimpf bedeckt und ihnen die lauteste Tribüne des Königreichs bereitet. Nach vierundzwanzig Tagen fürstlicher Haft, die eher einem literarischen Salon als einer Buße geglichen hatte, erlangte Mademoiselle Clairon unter dem Vorwand geschwächter Gesundheit ihre Entlassung, und ihre Gefährten folgten ihr alsbald. Doch die stolze Mimin verzieh den Frevel nie: Sie betrat die Bühne des Théâtre-Français kein einziges Mal wieder und zerbrach ihre Laufbahn auf dem Gipfel des Ruhmes, um die unumschränkte Herrin ihres Stolzes zu bleiben.

Das For-l’Évêque seinerseits sollte diesen glänzenden Affront kaum überdauern. Keine zwanzig Jahre später, im Jahre 1780, verfügte Ludwig XVI., tief erschüttert von den Schauderberichten über die Unwirtlichkeit des Ortes, an dem die Miasmen des Stroms die vergessenen Gefangenen schleichend dahinrafften, die endgültige Schließung der Kloake und die Verlegung der Insassen in das Hôtel de la Force. Die Spitzhacken der Abbruchkolonnen machten den uralten Steinen des Bischofssitzes alsbald den Garaus. Doch im Gedächtnis der Pariser Chronisten schien der Nachhall von Clairons Stimme noch lange über den Quais zu schweben – als Mahnung an jenen Tag, da der dramatische Geist die Riegel der Tyrannei erzittern ließ.