MAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · CUISINE & LETTRES« Ursprung des Namens der Madelonnettes. »Die Gefängnisse Europas · Band VIII
Als Molières Truppe unter den feuchten Gewölben eines Klosters reuiger Büßerinnen auf das Schafott harrte.
Im klammen Nebel der Nacht vom 3. auf den 4. September 1793 fiel der schwere Eichenklopfer der Madelonnettes mit einem dumpfen Schlag nieder, der die rußüberzogenen Tauben ringsum aufschreckte. Verborgen am Ende der Rue des Fontaines, eingekeilt zwischen dem volksschweren Marais und dem düsteren Temple, war dieses alte Zuchthaus zwei Jahrhunderte zuvor von der frommen Marguerite de Gondi gestiftet worden, um bußfertige Sünderinnen hinter Klostermauern zu verwahren. Doch in jenem Jahr II der Republik war das geheiligte Weinen der Maria Magdalena dem fauligen Schwitzen der Schreckensherrschaft gewichen. In dieser Nacht taten sich die eisenbeschlagenen Torflügel nicht für eine gemeine Wegelagerin auf, sondern für den reinsten Adel des französischen Theaters: die Comédiens-Français im schlichten Straßengewand, aufgegriffen unmittelbar beim Verlassen der Bühne nach einer Aufführung von François de Neufchâteaus Paméla, die den Zorn der Jakobiner als vermeintlich royalistisch erregt hatte.
Dazincourt, der unvergleichliche Figaro, über dessen Esprit einst der gesamte Hof vor Lachen gebebt hatte, streifte den Straßenschmutz von seinen Schnallenschuhen unter dem höhnischen Grinsen der Sansculotten ab. Hinter ihm stützte Fleury, der Fürst des deklamatorischen Tons, Mademoiselle Contat, das vergötterte Suzanne-Urbild von Paris, deren feine Seidengewänder über das von faulem Stroh schlüpfrige Pflaster schleiften. Der Schließer Vaubertrand, ein vom Schicksal gebeugter Greis, dessen schwerer Schlüsselbund nicht minder drückte als sein Gewissen, trat mit einer trüben Blendlaterne heran. Der Gerichtsschreiber tunkte seine Eisenfeder in violette Tinte, um das Einkerkerungsregister aufzuschlagen. Mit grimmiger Hast trug er die Namen dieser Höflinge der Schauspielkunst ein, verurteilt dazu, den Glanz des Rampenlichts gegen luftlose Verliese einzutauschen, in denen der Geruch menschlichen Angstschweißes mit dem Schimmel modernder Krypten rang.
In den Madelonnettes glich die Finsternis einem lebendigen Grabe. Die engen Korridore, die einst stillen Schrittes von Nonnen gesenkten Blickes durchmessen worden waren, wurden nun von groben Eichengittern zerteilt, verstärkt durch gewaltige Riegel, die von den Wächtern mit berechneter Grausamkeit ins Schloss geschlagen wurden. Marino, der Polizeibeauftragte der Commune, herrschte an diesem Ort wie eine Hyäne über ihrem Aas. Den Säbel gegen die Waden schlagend, die dreifarbige Feder schief auf den Hut gesteckt, stieg er durch die Stockwerke, um die Gefangenen in Angst und Schrecken zu versetzen; er hämmerte mit dem Kolben gegen die Türen und schwor lauthals, den Schlächtertanz der Carmagnole über diese gepuderten Schmierendarsteller hereinbrechen zu lassen.
«Werft sie auf den Misthaufen! Das Volk braucht keine königlichen Gaukler mehr, es verlangt nach dem Fallbeil, um die Köpfe gleichzumachen!»
Binnen kurzem verwandelte sich das Gefängnis in ein Siechenhaus. Mehr als dreihundert Insassen wurden in einen Raum gepfercht, der kaum fünfzig Menschen zu fassen vermochte. Der Typhus, den die Spitalakten schamhaft als fauliges Fieber verzeichneten, kroch unter den Türspalten hindurch. Der edelmütige Doktor Dupontet, ein Arzt von bewundernswerter Opferbereitschaft, schritt mit hochgekrempelten Ärmeln von Pritsche zu Pritsche und inhalierte Essig der vier Diebe, um den tödlichen Miasmen nicht selbst zu erliegen. An seiner Seite weigerte sich der Schließer Vaubertrand, den unmenschlichen Weisungen Marinos zu gehorchen. Unter Einsatz seines eigenen Kopfes linderte der Wärter gemeinsam mit seiner Gattin das Los der Künstler: Er reichte der fiebernden Mademoiselle Raucourt, die im Schmutz ihrer Lagerstatt phantasierte, eine Schale lauwarmen Wassers, schmuggelte geheime Botschaften durch die Gitter und lieh den zitternden Schauspielerinnen wärmende Schultertücher. Diese Barmherzigkeit sollte ein jähes Ende finden: Als Helfershelfer der Aristokraten denunziert, sah Vaubertrand eines Morgens, wie die eisernen Riegel vor seiner eigenen Familie ins Schloss fielen, die nun selbst in die Kerker der Rue des Fontaines geworfen wurde.
Draußen lief die Maschinerie des Blutes auf Hochtouren. Fouquier-Tinville forderte seine tägliche Ration für das Schafott an der Place du Trône-Renversé. In den Registraturkästen des Wohlfahrtsausschusses harrte ein verhängnisvolles Faszikel seiner Stunde, gezeichnet mit dem blutroten Buchstaben „G“ für Guillotine: die Akte der Comédiens-Français, bestimmt für die Verschmelzung des nächsten Transportes. Für Dazincourt, Fleury und ihre Gefährtinnen schien jedes Hoffen vergebens. An jedem neuen Tag hallte der schwere Schritt der Fuhrmänner durch den Hof der Madelonnettes, stets eingeleitet durch das bellende Organ des Schreibers, der die Liste jener verlas, die zur Conciergerie abgeführt wurden – jenem grausamen Vorzimmer des Todes.
In dieser Stunde vollzog sich in den Gängen des Wohlfahrtsausschusses ein Wunder an Kühnheit. Ein unscheinbarer junger Mann namens Charles de Labussière, ein früherer Theaterbediensteter, der sich durch eine List als Gehilfe bei den Anklageakten eingeschlichen hatte, setzte sein Leben aufs Spiel, um seine bewunderten Vorbilder zu retten. Jeden Abend, wenn die Dämmerung hereinbrach und die Amtsstuben verwaisten, schloss sich Labussière im Archiv der versiegelten Akten ein. Fieberhaft durchstöberte er die grünen Pappkästen, zog die Belastungsproben der Madelonnettes hervor und rollte sie zu festen Kügelchen, die er tief in den Taschen seines Serge-Rocks verbarg. Doch wie sollte er die Posten überwinden, die jeden Angestellten am Ausgang der Tuilerien scharf durchsuchten?
Sein Plan zeugte von einer geradezu tollkühnen Verwegenheit. Labussière begab sich in die Badeanstalten auf der Seine, tauchte die Papiere in Eimer mit lauwarmem Wasser, um sie aufzuweichen, zerkäute oder zerfaserte sie zu einem unkenntlichen Brei und warf sie handvollweise in die finsteren Fluten des Stroms. Nacht für Nacht lösten sich die Anklageschriften gegen die Gefangenen der Madelonnettes in der Seine auf und trieben unwiederbringlich dem offenen Meere zu.
Im Juli 1794 erreichte das Wüten Marinos und Fouquier-Tinvilles seinen Siedepunkt. Der öffentliche Ankläger schäumte vor Ungeduld: Wohin war das Protokoll der Schauspieler verschwunden? Man durchwühlte die Amtsstuben des Ausschusses, man bedrohte die Schreiber mit Kerker und Folter. Hinter den Mauern der Madelonnettes war die Anspannung ins Unerträgliche gewachsen. Getrennt durch notdürftige Bretterwände sprachen sich die Schauspieler im Flüsterton die Verse Racines vor, um dem Wahnsinn zu trotzen, während draußen die Bajonette klirrend an den Gittern entlangschabten.
Am 8. Thermidor trat ein Häscher der Polizei mit hämischem Grinsen in Fleurys Zelle: Der Befehl zur Rekonstruktion der Akte sei unterzeichnet worden, das Revolutionstribunal werde ihnen übermorgen im Block den Prozess machen. Die folgende Nacht war ein qualvoller Kampf aus stummen Gebeten und Tränen. Doch am nächsten Mittag, dem 9. Thermidor, begann plötzlich über ganz Paris die Sturmglocke zu dröhnen. Ein dumpfes Grollen, vergleichbar einer entfesselten Sturmflut, brandete aus den Vorstädten heran. In den Madelonnettes warfen die Schließer ihre Schlüsselbunde auf die Wachtische; die Sansculotten stoben in wilder Panik auseinander. Robespierre war im Rathaus gestürzt worden.
Als die Zellentüren unter dem Ansturm der Befreier endlich nachgaben, taumelten Dazincourt, Fleury und ihre Gefährten hinaus in das blendende Licht des Hofes – geblendet, verstört, gerettet einzig durch die zersetzte Tinte eines todesmutigen Schreibers. Doch die Steine der Madelonnettes, auf ewig gezeichnet von der Seelenpein der Todgeweihten und dem tragischen Opfermut Vaubertrands, bewahrten für alle Zeiten jenes eisige Frösteln des Schreckens, das selbst der stürmischste Beifall auf den Brettern der Welt nie ganz zu bannen vermochte.