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Die Kerker Europas · Band VII · Maquet & Alboize, 1845

Die Bergwerke von Sibirien

Sibirien (Ural und darüber hinaus) · Russland · 18. – 19. Jahrhundert
« Noch gibt es in Europa eine Bastille – das heißt: hundertmal Schlimmeres als die Bastille –, und zwar bei jenem Volk, das man die Franzosen des Nordens nennt. »Die Kerker Europas · Band VII
Wurden hier eingekerkert
  • Mentschikow (Menšikov, verbannt)
  • Biron und Münnich
  • Lestocq
  • Fürstin Lopuchina (Lapoukin)
  • Die Dekabristen (Fürst Trubetzkoi)
  • Niemcewicz
  • Radischtschew
  • Praskowja Lupolowa (Vorbild für den Roman von Mme Cottin)
Chronologie
  • 18. JahrhundertDie «Inquisition des Nordens»: Die Bergwerke Sibiriens werden als eine «hundertmal schlimmere Bastille» beschrieben; Kolonisierung und Bergbauausbeutung des Urals (Nikita Demidow)
  • 1727–1741 (zu prüfen)Sturz und Verbannung Menšikovs nach Sibirien; Biron und Münnich folgen einander im selben Kerker nach
  • 1741–1743 (zu prüfen)Verschwörung zugunsten Elisabeths, der Tochter Peters des Großen; Folterung der Fürstin Lopuchina; Verbannung und Rückberufung Lestocqs
  • Dezember 1825Aufstand der Regimenter bei der Thronbesteigung Nikolaus’ I.; Verbannung des Fürsten Trubetzkoi (Dekabristen)
Reihe Die Kerker Europas (8 Bände, nach Maquet & Alboize) — erste moderne Ausgabe, neu gesetzt und kommentiert nach den Quellen der Gallica. In Vorbereitung.
📍Sibirien (Ural und darüber hinaus) · Russland
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🕯️ Abendchronik · Die 20 Mythischen Gefängnisse Europas & Der Fall PicaudAbendlektüre · ~6 Min.

Die Verschütteten von Nertschinsk: Das Eisgrab der gestürzten Herren

Fünftausend Werst von Sankt Petersburg entfernt steigen gekettete Fürsten lebendig in jene Bleischächte hinab, in denen Russland seine Unbeugsamen begräbt.

I. Der Zug der Gespenster und die endlose Jagd

Die Petersburger Nacht wollte an den Bastionen der Peter-und-Paul-Festung kein Ende nehmen. Im schlammigen, von einem schneidenden Ostseewind gepeitschten Hof harrten sechs ungefederte Kibitken, jede bespannt mit drei abgemagerten Kleppern. Kein Priester geleitete den Aufbruch mit seinem Segen, kein Verwandter trocknete eine Träne. Unter dem granitnen Torbogen klirrten die Eisen mit einem dumpfen, schweren, unerbittlichen Laut. Es waren die Halskragen und die Kandaly – jene zwanzig Pfund schweren Ketten, von den Grobschmieden der Krone um die Knöchel geschmiedet –, die das Los der Aufständischen vom Dezember 1825 für immer besiegelten.

Fürst Sergei Trubetzkoi, einst der Abgott der kaiserlichen Salons und Erbe eines der erlauchtesten Geschlechter Russlands, stieg als Erster in den Kasten aus rohem Holz, flankiert von zwei stummen Gendarmen. Auf dem Eintragsregister hatte ein violetter Tintenstrich soeben seinen bürgerlichen Namen getilgt; an dessen Stelle stand nun bloß die Matrikelnummer eines Staatsverbannten. Vor ihnen tat sich der weiße Abgrund auf: fünftausend Werst voll Morast, erstarrter Taiga und endloser Steppen, wo das Thermometer so tief fiel, dass der menschliche Hauch mit dem trockenen, leisen Knistern von splitterndem Glas in der Luft kristallisierte.

« Noch gibt es in Europa eine Bastille – das heißt: hundertmal Schlimmeres als die Bastille –, und zwar bei jenem Volk, das man die Franzosen des Nordens nennt. Der Name dieser Feste ist nicht aus Quadern gefügt: Sie ist ein Reich der Einsamkeit und der Marter, genannt Sibirien. »

Die Peitsche knallte. Ohne Rast ging es von Relais zu Relais, Tag und Nacht, vierzig Tage einer fiebrigen, geisterhaften Fahrt. Genährt von gefrorenem Schwarzbrot, das die Verbannten unter den Achseln auftauen mussten, verloren sie jedes Gefühl für Zeit und Jahreslauf – bis die zerrissenen Kämme des Urals schließlich dem lautlosen Nichts Transbaikaliens wichen.

II. Der Schacht von Blagodatsk: Abstieg in die Unterwelt

Auf dem Grund einer Schlucht aus Schiefer und schmutzigem Schnee, unweit der chinesischen Grenze, ragten die stinkenden Schlote und Palisaden von Nertschinsk empor. Dort gähnte der Schlund von Blagodatsk, das gefürchtetste Blei- und Silberbergwerk des Kaiserreiches, gegründet unter dem eisernen Zepter Peters des Großen und gemästet mit dem Schweiß und Blut der Leibeigenen Nikita Demidows. In dieses finstere Loch stießen die Staatsverbrecher zum Abschaum der gemeinen Zuchthäusler: Diebe, denen das Glüheisen auf beide Wangen gebrannt war, Falschmünzer mit von der Henkerszange zerrissenen Nüstern.

Der Abstieg hub im Morgengrauen an, untermalt vom dumpfen Wirbel einer gesprungenen Trommel. Um die Adern des Erzes zu erreichen, galt es, achtundvierzig wurmstichige Lärchenleitern senkrecht hinabzuklettern, schwebend über dem Abgrund in einem Wetterschacht, an dessen Wänden eisiges, brackiges Wasser herabsickerte. Die an die Knöchel der Edelleute geschmiedeten Ketten scheuerten über die vereisten Sprossen; jeder Fehltritt drohte mit einem Sturz von dreihundert Klaftern in die Finsternis.

Unten brütete eine erstickende Schwüle, geschwängert von giftigen Dünsten. Beim flackernden Schein einer Talgkerze, die mit Lehm auf den Schirm ihrer Lederkappen geklebt war, griffen Hände, die einst den goldenen Degen und die Feder der Akademien geführt hatten, nach der schweren Hacke des Bergmanns. Es mangelte derart an Luft, dass die Flamme erbleichte, bis sie bläulich schwelte – und bei jedem Stoß des Meißels drohte, die Verbannten in einem blinden Grab zurückzulassen.

III. Die Fron der Verurteilten und der Widerhall des Eisens

Die Zucht des Katorga war von grausamer Schlichtheit: Niemand fuhr wieder aus, ehe er nicht seine drei Pud Schwefelerz am Tage gebrochen und zerkleinert hatte. Major Leparskij, der Militärkommandant der Bergwerke, wachte über diese Schar von Schatten mit der Unerbittlichkeit eines Buchhalters des Todes. Jeden Morgen rüttelten das Klirren der Riegel und das Krachen der Eisenstangen die Gemeinschaftskaserne wach – eine Hütte aus groben Rundhölzern, in der das abgestandene Wasser in den Zubern drei Schritte vom Lehmziegelofen entfernt gefror.

In den mit Schafsleder gebundenen Folianten, verwahrt in der winzigen Kanzlei der Festung, trug der Schreiber die Strafen mit rein bürokratischem Gleichmut ein. Für einen zu stolzen Blick vor einem Kosakenoffizier: fünfzig Hiebe mit der Birkenrute auf das nackte Kreuz. Für ein Witzwort, das man einem Kettengenossen zugeflüstert: eine ganze Nacht lang stehend an den Eisenpfahl geschmiedet, in einem Halseisen, das dem Leib jede Krümmung wehrte.

Und dennoch vollbrachte sich unter diesem lastenden Felsgewölbe, wo das Martyrium der Bergleute jede Menschenwürde ausgelöscht zu haben schien, allabendlich ein Wunder. Die fürstlichen Handwerker erlernten die Geduld des Eisens. Fürst Trubetzkoi, der Dichter Obolenski und die jungen Leutnants der Garderegimenter sannen eine geheime Sprache aus, getaktet vom rhythmischen Anschlagen ihrer Ketten an die Basaltwand. Der Klang ihrer Eisen ward zum brüderlichen Widerhall, zu einer unterirdischen Symphonie, die das Wachauge der kosakischen Schildwachen täuschte.

IV. Der Stern im eisigen Beinhaus

Der Despot von Petersburg hatte alles berechnet – bis auf das Herz der Frauen. An einem Wintermorgen, als der Boden unter den Hufen der Pferde wie Erz erklang, tauchte vor den Palisaden von Nertschinsk eine in abgetragene Pelze gehüllte Gestalt auf. Fürstin Jekaterina Trubezkaja hatte den Drohungen des Kaisers getrotzt, ihre Paläste, ihre Titel, ihr Vermögen und gar ihre Mutterrechte dahingegeben – und soeben den wahnwitzigen Ritt von Moskau bis zu den Bleibergwerken vollendet.

Der Gouverneur, per Ukas angewiesen, sie durch jede nur denkbare Schmach zu entmutigen, nötigte ihr den feierlichen Verzicht auf jegliche bürgerliche Existenz ab: Fortan sollte sie nichts weiter sein als das Weib eines Zuchthäuslers, unterworfen demselben Haferbrei, denselben pestilenzialischen Hütten, ohne jede Hoffnung auf Wiederkehr. Als sie endlich das Tor der Grube durchschritt und im Silberstaub auf die Knie sank, um ihre bebenden Lippen auf die schweren, verrosteten Fesseln ihres Gemahls zu pressen, zogen selbst die Häscher ihre Pelzmützen in einer Stille heiligen Entsetzens.

In jener Nacht, zum ersten Mal seit der große Nikita Demidow den Schoß des Uralgebirges aufgerissen hatte, hörte Sibirien auf, bloß das lebendige Grab Russlands zu sein. Zwischen den schlammigen Stollen, in denen das Erz ächzte, und den verglimmenden Biwakfeuern auf der Taiga begriffen die Verurteilten: Kein Zarenriegel und kein Schacht des Vergessens vermöchte jemals die menschliche Seele unter fünfzig Fuß Granit zu ersticken.