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Die Gefängnisse Europas · Band VIII · Maquet & Alboize, 1845

Die Gefängnisse Preußens

Küstrin, Glatz, Magdeburg, Berlin · Preußen (Deutschland) · 18. Jahrhundert – 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts
„Friedrich der Große, der erste Gefangene. — Die Zitadelle von Küstrin.“Die Gefängnisse Europas · Band VIII
Hier eingekerkert
  • Friedrich der Große (in jungen Jahren, erster Gefangener)
  • Katte und Keith (Friedrichs Mitverschworene)
  • Baron Friedrich von der Trenck (langjährige Haft, wiederholte Fluchtversuche)
Chronologie
  • 1730Friedrich der Große, noch Kronprinz, wird von seinem Vater Friedrich Wilhelm I. in der Festung Küstrin inhaftiert; Hinrichtung seines Freundes Katte vor seinen Augen
  • 1740er-Jahre (zu überprüfen)Baron von der Trenck auf der Festung Glatz eingekerkert; Fluchtversuche und geglücktes Entkommen mit dem Freunde Schell
  • 1750er-JahreTrenck erneut verhaftet, in die Zitadelle von Magdeburg verbracht, in schwere Eisen gelegt (achtundsechzig Pfund Eisen), gräbt Stollen und unterirdische Gänge
  • 1763 (zu überprüfen)Endgültige Befreiung Trencks nach langer Gefangenschaft unter Eid; Verbannung
Reihe Die Gefängnisse Europas (8 Bände, nach Maquet & Alboize) — erste moderne Ausgabe, neu gesetzt und kommentiert nach den Quellen der Gallica. In Vorbereitung.
📍Küstrin, Glatz, Magdeburg, Berlin · Preußen (Deutschland)
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🕯️ Abendchronik · Die 20 Mythischen Gefängnisse Europas & Der Fall PicaudAbendlektüre · ~6 Min.

Das Grabmal der Sternschanze: Der Mann in achtundsechzig Pfund Eisen

Vom blutgetränkten Schafott zu Küstrin bis in die finsteren Minengänge von Magdeburg: Chronik des titanischen Duells zwischen Friedrich dem Großen und jenem Gefangenen, den kein Riegel zu beugen vermochte.

I. Das Blut von Küstrin und die Wandlung des Despoten

In der schauerlichen Kerkertopographie des nördlichen Europas erfand Preußen seine Verließe nicht für gemeine Missetäter, sondern um den Geist seiner eigenen Gebieter zu brechen. Alles nahm seinen Anfang an einem fahlen Novembermorgen des Jahres 1730 in der Festung Küstrin, umspült von den trägen, eisigen Wassern der Oder. In der Tiefe einer vergitterten Zelle harrte ein achtzehnjähriger Jüngling seines Todesurteils: Kronprinz Friedrich — der künftige Friedrich der Große. Weil er der Fuchtel und dem wahnhaften Zorn eines tyrannischen Vaters hatte entfliehen wollen, hatte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm ihn vor das Kriegsgericht gestellt.

Die Strafe für den Kronprinzen bestand jedoch nicht im Beil des Scharfrichters, sondern in einer weitaus grausameren Marter: Man schleppte seinen Vertrauten und Jugendfreund, den Leutnant Hans Hermann von Katte, unmittelbar unter sein Fenster. Die Schergen hielten Friedrich mit Gewalt an das Eisengitter gepresst. Während der Prediger dumpfe Psalmen murmelte, hob der junge Offizier den Blick zu seinem Herrn empor und rief: „Der Tod ist süß für einen so geliebten Herrn!“ Das Henkersschwert zerteilte die frostige Luft, das Haupt rollte in den Sand, und Friedrich brach besinnungslos in kaltem Schweiß zusammen. An jenem Tage starb in Küstrin der Knabe, der Dichter. Der Mann aber, der sich Monate später aus den preußischen Kasematten erhob, trug ein Herz aus Stein in der Brust. Der erste Märtyrer der preußischen Festungen sollte bald zu ihrem unbarmherzigsten Baumeister werden.

II. Der Freigeist von Glatz und der Sprung in den Abgrund

Fünfzehn Jahre darauf hielt der zum Monarchen aufgestiegene Fürst Hof in Berlin. Unter seinen Günstlingen glänzte ein Hüne von neunzehn Jahren: Baron Friedrich von der Trenck. Begnadet mit herkulischen Kräften, verwegener Schönheit und dem Rang eines Ordonnanzoffiziers, beging Trenck das einzige Verbrechen, das ein argwöhnischer Herrscher niemals verzeiht: Er gewann das Herz der Prinzessin Amalie, Friedrichs vielgeliebter Schwester. Ohne Gerichtsverhandlung, ohne ordentlichen Haftbefehl, auf eine flüchtig hingeworfene Kabinettsorder hin, ward der ungestüme Junker aus dem Bett gerissen und in die Festung Glatz geschleudert — ein Adlerhorst hoch auf den schroffen Klippen Schlesiens.

Glatz jedoch war nicht gebaut, um eine Wildkatze zu bändigen. Trenck besaß nicht die Geduld der Dulder; er betörte seine Wächter, bestach die halbe Besatzung und verwandelte seine Einkerkerung in eine Belagerung mit umgekehrten Vorzeichen. Ein erstes Mal entwaffnete er eine Schildwache, überwand die Gräben, blieb jedoch im Morast stecken und wurde wieder eingebracht. Weit davon entfernt zu resignieren, zog er Leutnant Schell auf seine Seite — einen Wachoffizier, der von Gewissensbissen geplagt und selbst von Festungshaft bedroht war. In einer mondlosen Nacht des Dezembers 1746 wagten beide den Sprung über die Brustwehren. Schell zerschmetterte sich den Knöchel beim Sturz von der mehrere Klafter hohen Kurtine; Trenck lud den blutenden Gefährten auf seine Schultern, watete durch die eisschollentreibende Neiße, schlug die ihm nachjagenden Husaren mit dem Säbel in die Flucht und erreichte die böhmische Grenze. Für Friedrich II. war dies eine tödliche Schmach: Ein einfacher Gefangener hatte der unbesiegbaren preußischen Armee Hohn gesprochen.

III. Das Grabmal der Sternschanze und die Magdeburger Hölle

Der Groll der Könige besitzt ein langes Gedächtnis und die weit reichenden Fangarme einer unerbittlichen Geheimpolizei. Jahre später auf neutralem Boden in Danzig durch Verrat ergriffen, ward Trenck unter verhüllter Eskorte nach Magdeburg geschafft — in die gefürchtete Sternschanze, eigens errichtet zu seiner restlosen Vernichtung. Dort, in einer blinden Kasematte unter den Außenwerken des Festungsgrabens, fand die königliche Rache ihren grausamen Höhepunkt.

„Der König befahl, mir Fesseln zu schmieden, wie sie noch kein Mensch getragen hatte: ein stählernes Halsband von drei Zoll Breite, zwei Schenkelringe, verbunden durch eine massive Eisenstange, Ketten an den Händen und ein eiserner Leibgurt, fest in die Mauer eingelassen. Das Ganze wog achtundsechzig Pfund.“

Mitten in der mit feuchtem Sandstein gepflasterten Gruft hatten die Maurer des Königs eine Grabplatte eingefügt, in die mit dem Meißel sein Name gehauen war: Friedrich, Baron von Trenck. Er sollte auf seinem eigenen Grabe schlafen. In diesem finsteren Schlund, wo Tag und Nacht der Salpeter troff, ohne ein Fünkchen Tageslicht, gehalten bei anderthalb Pfund schimmeligem Brot und einem Krug fauligen Wassers, wäre jeder andere dem Wahnsinn anheimgefallen. Trenck aber eröffnete den Feldzug gegen den Stein. Mit einem abgestumpften Artilleriemesser, das er in seinem Strohsack gefunden hatte, begann er seine Fesseln zu sägen. Sobald die Schließer abgezogen waren, streifte er die gelockerten Eisen ab, riss mit blutenden Fingernägeln die Steinplatten seines Grabes auf und grub sich Nacht für Nacht in die Eingeweide der Festung ein.

IV. Der Maulwurf gegen den Philosophenkönig

Nahezu ein ganzes Jahrzehnt lang hallte die Festung Magdeburg wider von der unterirdischen Mühsal dieses menschlichen Maulwurfs. Trenck trieb enge Gänge vor, in denen die Luft so dünn ward, dass sein Talglicht verlosch. Den Sand und das Gestein barg er unter den wurmstichigen Brettern seiner Pritsche, er schluckte den ätzenden Sandsteinstaub und erwehrte sich der Ratten, die ihm seine Brotkrumen streitig machten. Zweimal durchstieß er die gemauerten Kontereskarpen, erreichte die äußeren Palisaden, bereit, sich in die Fluten der Elbe zu stürzen — ehe das Einstürzen einer Galerie oder der Diensteifer eines unbestechlichen Unteroffiziers sein Werk zunichtemachte.

Jeder Fehlschlag brachte ihm noch schwerere Ketten und zusätzliche, eisenbeschlagene Eichentüren ein. Doch ganz Magdeburg erzitterte vor diesem Gefangenen. Die Schildwachen glaubten den Teufel selbst unter den Wällen scharren zu hören; die preußischen Offiziere, gebannt von diesem unbezähmbaren Adel, schmuggelten ihm heimlich Tinte, Federn und Wachs zu und kauften seine Zinnbecher, die er meisterhaft mit einer Nagelspitze gravierte. Der königliche Philosoph von Sanssouci, der mit Voltaire über weltumfassende Toleranz korrespondierte, musste erfahren, dass kein Waffenarsenal den Willen eines freien Mannes zu brechen vermag.

Es bedurfte des Endes des Siebenjährigen Krieges, des verzweifelten Flehens der von Gram gebrochenen Prinzessin Amalie und der ausdrücklichen Intervention der Kaiserin Maria Theresia von Österreich, ehe die Riegel Magdeburgs im Jahre 1763 endlich zurückwichen. Als Trenck die Schlupfpforte der Sternschanze durchschritt — ausgezehrt, ergraut, die Glieder auf ewig gezeichnet von der Reibung jener achtundsechzig Pfund Stahl —, warf er einen stolzen, ungebrochenen Blick auf die preußischen Bastionen zurück. Der Despot hatte geglaubt, einen Schuldigen lebendig zu begraben; er hatte nichts weiter getan, als eine Legende zu schmieden, die kein Jahrhundert der Knechtschaft je wieder auszulöschen vermochte.