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Auf den Spuren Picauds · Etappe 6 · 1848

Port-Marly — Schloss Monte-Cristo

Der Kreis schließt sich

Weihnachten 1848, auf Dumas’ Landsitz – real, noch heute zu besichtigen. Peuchet erzählt dort vor Maquet und Hugo „die wahre Geschichte, die Monte-Cristo inspirierte“. Bei Tisch begegnet die Fiktion der Wirklichkeit: Hier nimmt Treize à Table seinen Anfang, und die historische Wahrheit fordert ihren Vorrang vor dem Mythos ein.

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Das Gespenst der Heiligen Nacht: Als Picaud bei Monte-Cristo einkehrte

Weihnachten 1848: Im prunkvollen Schloss von Port-Marly fordert der blutige Schatten des Nîmeser Schuhmachers seinen Tribut vom König der Romanciers.

Das Festmahl der Schöpfer unter dem Schnee der Yvelines

Die Weihnachtsnacht des Jahres 1848 hatte die Hänge von Port-Marly in ein makelloses Leichentuch aus Reif gehüllt. Im großen Speisesaal des Schlosses Monte-Cristo – jener Renaissance-Folie, die dank der fabelhaften Tantiemen des gleichnamigen Romans soeben aus der Erde gestampft worden war – warfen die Kristalllüster funkelnde Blitze auf das schwere Silber. Alexandre Dumas, ein prachtvoller Oger in bestickter Weste, präsidierte an einer erlesenen Tafel. An seiner Seite saß sein emsiger Schatten Auguste Maquet, der Mann, der im Verborgenen das Räderwerk der Meisterwerke zimmerte, sowie Victor Hugo, dessen düsterer Blick noch immer von den blutgetränkten Barrikaden des Juni heimgesucht war. Man lachte, tranchierte getrüffelte Fasane, ließ eisgekühlten Champagner fließen und feierte den Ruhm des Edmond Dantès – jenes himmlischen Rächers, den Millionen krönten.

Doch am Kopfende der Tafel blieb ein Platz seltsam kalt. Dort hatte sich ein unerwarteter Gast niedergelassen, emporgestiegen aus den staubigen Registern der Pariser Polizeipräfektur: Jacques Peuchet – oder vielmehr sein mahnender Schatten, verkörpert durch ein furchterregendes Archivdossier, das ein Bote soeben auf dem blütenweißen Tischtuch niedergelegt hatte. Zwischen Birne und Käse senkte sich plötzlich ein Schweigen über die Runde, schwer wie eine zuschlagende Kerkertür. Die Legende sollte sich vor der nackten Wahrheit der Kerker verantworten müssen.

„Ihr habt aus der Rache ein Epos aus Marmor und Gold geschmiedet, Alexandre. Erlaubt mir, Euch daran zu erinnern, dass sie im Kot, im Wahn und im Eiter eines vergessenen Verlieses geboren wurde.“

Die Hölle von Fenestrelle und das steinerne Testament

Die Stimme des Archivars erhob sich, herb und schneidend wie der Alpenwind. Sie vertrieb die betörenden Dämpfe des Gelages und entführte die Gesellschaft vierzig Jahre zurück in das Jahr 1807. Weitab vom malerischen Château d’If, das von den Wogen des Mittelmeers umspült wird, hieß der wahre Märtyrer François Picaud. Ein einfacher Schuhmachergeselle aus Nîmes, der im Begriff stand, eine wohlhabende Erbin zu ehelichen, ehe eine schändliche Denunziation – geschmiedet aus dem Neid vierer falscher Freunde am Grund einer Schenke – ihn als Spion im Solde des kaiserlichen Englands in Ketten schlagen ließ.

Ohne Gerichtsverfahren, ohne Eintrag in ein offizielles Kerkerbuch war Picaud in der Festung von Fenestrelle verschwunden, zweitausend Meter hoch über den Eisfeldern des Piemonts. Sieben Winter lang blieben dem Unglücklichen als einziger Horizont eine dreifach vergitterte Schießscharte, fauliges, von Ratten zerfressenes Stroh und das unheilvolle Grollen der Kanonaden, die den Takt der napoleonischen Kriege schlugen. Seine Fingernägel waren zersplittert beim Versuch, den nackten Fels zu durchgraben – nicht um zu fliehen, sondern um die Nachbarzelle zu erreichen, in der Abbé Torri im Sterben lag, ein alter, von Gott vergessener Mailänder Prälat.

Dort gab es keinen Abbé Faria, der Wissenschaften und orientalische Sprachen lehrte. Der alte Torri starb in Picauds Armen; zuvor vermachte er ihm, mit Ruß und Urin auf den Fetzen einer Soutane gekritzelt, das Geheimnis eines uralten Schatzes, der in den Krypten von Ostelungos verborgen lag. Als Napoleon 1814 stürzte und die Tore der Festung endlich in ihren rostigen Angeln kreischten, war der Mann, der ans Tageslicht trat, kein menschliches Wesen mehr: Er war eine wandelnde Leiche mit schneeweißem Haar, zerfressen von reinem, unstillbarem Hass.

Der Aderlass von Paris: Der Dolch ohne Gnade

An der Tafel von Port-Marly lächelte Dumas nicht mehr. Maquet senkte das Haupt, den Blick starr auf seinen Zinnteller gerichtet. Denn Peuchets Bericht riss das seidene Gewand des Grafen von Monte-Cristo in Fetzen und entblößte die Bestie darunter. Zurückgekehrt unter dem falschen Namen Joseph Lucher, hatte Picaud nichts von jenem orientalischen Grandseigneurs an sich, der den Söhnen der Schuldigen Vergebung schenkt. Seine Vergeltung war ein methodisches, handwerkliches Gemetzel – ohne Gnade, ohne jede theatralische Größe.

In Paris lauerte Picaud seinen Verrätern mit der Geduld einer giftigen Spinne auf. Chaubart, der erste Mitschuldige, wurde an einem nebligen Oktoberabend auf dem Pont des Arts durch einen Stilettstich mitten ins Herz niedergestreckt; in den Griff der Waffe hatte der Mörder mit glühendem Eisen eingebrannt: Nummer Eins. Gervais, der zweite, erlag einem verheerenden Gift in seinem spanischen Wein, nachdem er mitansehen musste, wie sein Haus in Flammen aufging; auf seiner Leiche lag ein Karton mit den Worten: Nummer Zwei.

Blieb noch Loupian, der Erzverräter, der ihm Braut und Ehre geraubt hatte. An ihm vollstreckte der Schuhmacher eine wahrhaft dämonische Grausamkeit: Er verführte dessen Tochter mithilfe eines falschen italienischen Prinzen, der in Wahrheit ein entflohener Zuchthäusler war, ließ Loupians Etablissement im Viertel Saint-Honoré niederbrennen, stürzte dessen Sohn auf die Galeeren und trieb den Mann in die vollkommene Bettelei. Schließlich lockte er Loupian, getarnt als Kaffeehausdiener namens Prosper, in die verlassenen Alleen der Tuilerien, schlitzte ihn mit einem Küchenmesser wie ein Tier auf und spie ihm seinen wahren Namen ins Gesicht, während das Blut das welke Laub tränkte.

Die Zeche des Blutes: Dreizehn zu Tisch für die Ewigkeit

Doch die irdische Gerechtigkeit schert sich nicht um shakespearesche Abgründe. Picaud war keine paradiesische Insel vergönnt, um dort friedliche Tage an der Seite einer schönen griechischen Sklavin zu verleben. Ein fünfter Schurke, Allut, der um das Geheimnis des einstigen Komplotts gewusst hatte, witterte das Blut. Misstrauisch geworden, lauerte er dem Rächer nach der Bluttat in den Tuilerien auf, schlug ihn mit einem Knüppel nieder und schleppte ihn in einen stinkenden Keller nahe der Barrière de Pantin.

Dort wurde der Rächer nun selbst zum Gefangenen. An einen von Salpeter triefenden Pfeiler gekettet, ausgehungert, geschlagen wie ein räudiger Hund, weigerte sich François Picaud zu gestehen, wo der Rest seines italienischen Goldes verborgen lag. Schließlich zertrümmerte Allut ihm den Schädel am Mauerwerk, ehe er nach England floh – wo er die schauderhafte Wahrheit erst auf dem Sterbebett vor einem fassungslosen Londoner Friedensrichter von sich gab.

In Port-Marly verhallte der Nachhall der Erzählung im Rascheln der karmesinroten Samtvorhänge. Der Winterwind heulte gegen die Spitzbogenfenster des Schlosses Monte-Cristo und rüttelte an der Miniaturfestung des „Château d’If“, die man auf der kleinen Parkinsel errichtet hatte. Dumas leerte sein Glas in einem Zug und blickte Maquet fest in die Augen:

„Wir haben ihn in Purpur gekleidet, Auguste … Doch dieser Teufel von Peuchet hat uns soeben an den Geruch seines Leichentuchs erinnert.“

In jener Nacht, an jenem Weihnachtsabend des Jahres 1848, waren dreizehn Gedecke für das Festmahl aufgelegt worden. Und inmitten der erhabensten Geister des Jahrhunderts hatte der verstümmelte Schatten des Schuhmachers François Picaud seinen Namen unauslöschlich in das Blattgold des Meisters gegraben: Der Mythos gehörte fortan Dumas, doch das Blut und die Rache sollten für immer das Eigentum der Geschichte bleiben.