MAISON BEAULIEUAB ÉDITIONS · CUISINE & LETTRES« Die Wahrheit über seine Gefangenschaft und seinen Tod (André Chénier). »Die Gefängnisse Europas · Band VII
In der Hölle der Vorstadt Saint-Denis entreißt ein Vater seinen Sohn dem Schafott, während ein Dichter seine letzten Verse den Wäscherinnen des Todes anvertraut.
Im brütend heißen Hochsommer des Jahres 1794 erinnert der einstige Konvent der Lazaristen an keinen heiligen Ort mehr. Einst ein mittelalterliches Siechenhaus für Aussätzige, später eine fromme Zuflucht, in welcher der heilige Vinzenz von Paul die Gebrechen des Leibes linderte, ist Saint-Lazare nun zur am dichtesten bevölkerten Vorhölle des Revolutionstribunals geworden. Hinter den hochaufragenden Mauern des Faubourg Saint-Denis vegetieren achthundert Gefangene in den verödeten Mönchsschlafsälen; zusammengepfercht in fiebriger Enge, wo der Pesthauch von Talglichtern, faulendem Stroh und Essig kaum den Geruch der nackten Verzweiflung zu überdecken vermag. Die schweren, mit Eisen beschlagenen Eichentüren öffnen sich längst nicht mehr zum Gebet, sondern unter den Stiefeltritten der Kerkermeister, deren Schlüsselbunde wie Totenglocken durch die Gänge hallen.
Bricht die Nacht herein, füllen sich die gewölbten Korridore mit dem Zischeln der Spitzel und Denunzianten. Hier treibt der berüchtigte Manini sein Unwesen – ein von Fouquier-Tinville gedungener Abenteurer, dessen einziges Gewerbe darin besteht, jene ruchlose «Gefängnisverschwörung» aus dem Nichts zu erfinden. Die Fabel bleibt unabänderlich dieselbe: Die Gefangenen führten im Dunkel der Zellen Dolche im Schilde, um die Gitter zu sprengen, die Schildwachen zu erwürgen und den Konvent zu stürzen. In den Kerkerbüchern auf den fettigen Tischen der Gerichtsschreiberei streichen die Helfershelfer des öffentlichen Anklägers mit roter Tinte Namen um Namen durch. Ein jeder weiß, was dieser Strich bedeutet: den Schindkarren des nächsten Morgens.
In diesem zur Mausefalle verkommenen Kloster trotzen zwei Männer dem Schrecken durch die hehre Würde des Geistes: Jean-Antoine Roucher, der Sänger der Monate, und der junge André Chénier, einstiger Gesandtschaftssekretär, dessen geschliffene Feder es gewagt hatte, die Henkersknechte der Septembermorde anzuprangern. Seit dem Ventôse in eine schmale Zelle gepfercht, deren Fenster auf den Hof der Frauen blickt, zieht Chénier seine ruhelosen Bahnen unter den nackten Arkaden, den Blick erfüllt von verhaltenem Grimm. Er weiß wohl, dass sein Kopf verwirkt ist, doch weigert er sich, vor der Tyrannei der Wohlfahrtsausschüsse das Knie zu beugen.
Nacht für Nacht, beim kärglichen Flackern einer Tranfunzel, schreibt Chénier mit Tinte, die er aus Holzkohle schwärzt. Er besitzt nichts als grobe Papierfetzen und Streifen, die er aus den Rändern seiner Lieblingsbücher gerissen hat. Dort, in der angstvollen Stille, die nur von den eisenbeschlagenen Tritten der Nationalgardisten zerrissen wird, entstehen die rächenden Verse der Iamben – Meisterwerke französischer Dichtkunst, geschmiedet am Rande des Massengrabs:
« Wenn dem blökenden Schaf die finst’re Fleischbank dar / Des Todes Schlund eröffnet weit, / Fragt Hirt und Hund und Schlächter, die ganze Henkersschar, / Nicht nach dem Los, das ihm geweiht… »
Um diese Blätter den peinlich genauen Leibesvisitationen der Schließer zu entwinden, greift Chénier zur bescheidensten aller Listen: Er verbirgt die dicht beschriebenen Papierrollen auf dem Grund der Schmutzwäschekörbe, die Wäscherinnen allwöchentlich abholen, um sie seinem gramgebeugten Vater zu überbringen. Jedes Wort, das die Mauern von Saint-Lazare verlässt, ist ein Triumph, dem Fallbeil im letzten Augenblick abgetrotzt.
In der Nacht vom 6. auf den 7. Thermidor des Jahres II senkt sich eine trügerische Kühle über die Schieferdächer von Saint-Lazare. Gegen zwei Uhr morgens kreischen jäh die Riegel in den Gängen des ersten Stockwerks. Der Gerichtsschreiber Verney, begleitet von vier Schließern mit qualmenden Fackeln, betritt den Gemeinschaftssaal. Grabesstille legt sich auf den Raum; der Atem stockt, gefaltete Hände krampfen sich auf den Strohsäcken zusammen. Das Verlesen der Verhängnisliste hebt an.
Mit breiiger, gleichgültiger Stimme leiert der Justizbeamte die Namen der Verurteilten herunter, die im Morgengrauen vor Dumas und Coffinhal zu treten haben. Plötzlich hallt ein Ruf durch das feuchte Gewölbe:
— Jean-Simon Loizerolles, ehemaliger Leutnant der Vogtei, zweiundzwanzig Jahre alt!
Am Ende des Saals schreckt ein einundsechzigjähriger Mann auf: Jean de Loizerolles. Sein Blick fällt auf eine finstere Pritsche, auf der sein Sohn, der junge Jean-Simon, von Ruhr und Verzweiflung zerrüttet, in bleiernem Schlafe liegt, taub für den Lärm. Augenblicklich begreift der Vater den furchtbaren Irrtum: Der öffentliche Ankläger forderte die Jugend, der Geschlechtsname ist derselbe, und die Republik lechzt nach Blut, ohne nach den Zügen der Gesichter zu fragen. Ohne das geringste Zittern gleitet der Vater aus seinen Laken, legt den Finger auf die Lippen, um die entsetzten Nachbarn zum Schweigen zu beschwören, und tritt geradewegs in den Schein der Fackeln:
— Hier, haucht der alte Mann.
Der Schreiber blickt kaum auf; ihn scheren weder das weiße Haar noch die tiefen Furchen, die die zweiundzwanzig Jahre des Haftbefehls Lügen strafen. Die Tagesordnung verlangt ihr Maß an Köpfen. Ergeben reicht der Vater seine Handgelenke der Strickfessel dar, steigt mit festem Schritt zur Verwahrungszelle empor und erkauft mit seiner eigenen Kehle das Morgen seines Kindes.
Um sieben Uhr morgens füllt sich der große Hof von Saint-Lazare mit dem harten Klappern beschlagener Hufe auf dem Pflaster. Vor dem alten Portal warten zwei lange, mit verwaschenem Rot gestrichene Karren. Die Verurteilten steigen die Stufen herab, das Haar im Nacken kahl geschoren, der Hemdkragen aufgerissen nach dem schauerlichen Zeremoniell der Todestoilette. Festen Schrittes geht André Chénier an der Seite Rouchers. Sie halten einander am Arm und flüstern sich Verse von Racine zu, um das Hohnlachen des Pöbels am Tor zu übertönen.
Auf dem Trittbrett des Schindkarrens wendet sich der Dichter noch einmal der strengen Fassade des Klosters zu, die seine Qualen bezeugt hat. Er legt die Hand an die bleiche Stirn und raunt seinem Gefährten jene unsterblichen Worte zu, die Maquet und Alboize dem Ruhmesbuch der Revolutionsmärtyrer einverleibt haben: «Es ist gar zu schade ... Und doch, hier drinnen trug ich noch etwas!»
Die Achsen ächzen, der Zug setzt sich in Bewegung zur Barrière du Trône, wo die Guillotine auf ihre achtunddreißig Opfer des Tages wartet. Achtundvierzig Stunden später, am 9. Thermidor, wird die Sturmglocke des Rathauses den Sturz Robespierres verkünden und die Riegel der Großen Terreur für immer zerschlagen. Doch für Chénier, für Loizerolles und für die Gemarterten von Saint-Lazare kam die Freiheit um zwei Tage zu spät.
Lange nach den Stürmen der Revolution sollte das von Tränen geweihte Kloster seine Bestimmung wandeln, ohne je sein Düster abzustreifen: Im 19. Jahrhundert wurde Saint-Lazare zum berüchtigten Pariser Frauengefängnis, wo Kurtisanen, Diebinnen und Rächerinnen ihre Verzweiflung in ebenjene Steine ritzten, die einst die Tinte André Chéniers getrunken hatten.