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Picauds Pfad · Etappe 4 · 1814

Burgund

Das Festmahl der Heimkehr

1814: Befreit hebt Picaud sein Vermögen und zieht nach Norden gen Paris – verwandelt, unkenntlich geworden. Der dampfende Schmortopf, das Glas Burgunder, die dienende Hand: Die Metamorphose nimmt ihren Anfang bei Tische, ehe sie zur Rache wird.

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Das Mahl des Heimkehrers: Als das Blut der Reben Monte Christo wappnete

In jenem Herbst 1814 setzt sich der einstige Galeerensträfling François Picaud in einer Schenke zu Dijon vor einen dampfenden Kessel, um seinen Hass zu nähren, ehe er Paris ins Herz trifft.

I. Die abgelegte Hülle von Fenestrelle

Sieben Jahre der Finsternis hatte es bedurft, bis der Schuster aus Nîmes gänzlich unter dem Stein verlosch. Sieben Jahre, in denen der eisige Fallwind der piemontesischen Alpen durch die Schießscharten der Festung Fenestrelle heulte und stets dieselbe düstere Totenklage gegen die gebrochenen Lenden François Picauds sang. In den kaiserlichen Haftregistern war sein Name nur noch ein blasser Tintenklex, der karge Vermerk eines politischen Verdächtigen, den man auf das Wort einer niederträchtigen Denunziation hin ohne Gerichtsverhandlung in strenge Einzelhaft geworfen hatte. Doch im Frühjahr 1814, als die Adler Napoleons im Schlamm der Champagne stürzten, kreischten die verrosteten Riegel ein letztes Mal. Ohne jeden Blick für die Gespenster, die ins Freie taumelten, stießen die österreichischen Kerkermeister die Gitter auf.

Picaud war ins Freie getreten, doch der treuherzige Handwerker, der einst von der Hochzeit mit Marguerite geträumt hatte, existierte nicht mehr. Als er das Ausfalltor durchschritt, ließ er die Trümmer seiner Jugend hinter sich und trug ein Geheimnis mit fort, das er den Todesqualen eines alten mailändischen Priesters auf dem Nachbarstroh entlockt hatte: ein ungeheures Vermögen, vergraben unter den Marmorfliesen eines lombardischen Palastes. Wenige Monate später, nachdem er Diamanten, Zechinen und das Gold seines Wohltäters in der Po-Ebene geborgen hatte, suchte der Mann weder Vergessen noch ein vergoldetes Exil. Gekleidet in feines schwarzes Tuch, mit der wächsernen Blässe der Grabkammern und einem Blick von apokalyptischem Glanz, überquerte er den Mont-Cenis-Pass und lenkte die Zügel nordwärts. Der Totgeglaubte zog gen Burgund.

II. Die Rast in Dijon im Oktoberregen

Die Postkutsche, die ihn in der Dämmerung vor den Stadtmauern von Dijon absetzte, holperte über ein Pflaster, das im eisigen Regen glänzte. Das Kaiserreich war vergangen, in den Tuilerien stolzierten aufs Neue die Bourbonen, und Frankreich leckte seine Wunden in einem Gemisch aus Erleichterung und Bitterkeit. Schwerfällig stieg Picaud vom Trittbrett herab. Als einziges Gepäck trug er einen wuchtigen Koffer aus Sattelleder, mit dreifachen Eisenbeschlägen verwahrt, dessen schwere Last dem Postillon ein Stöhnen abrang. Diese Truhe barg weder Wechselkleider noch Reisetand, sondern dicke Bündel von Banknoten, Handvoll neuer Louisdor und ein kleines, in Pergament gebundenes Notizbuch, in dem vier Namen mit roter Tinte verzeichnet standen: Loupian, Chaubart, Solari, Allut.

« Die Mauern der Verliese haben Ohren, doch an den Straßen Burgunds stehen Herbergen, an denen die Rache einkehrt, um zu trinken. »

Der Mann drückte dem Kutscher ein Silberstück in die Hand und tauchte mit gemessenen Schritten in die verwinkelten Gassen des alten Dijon ein, fernab der hell erleuchteten Posthöfe, in denen die Offiziere der Garnison abstiegen. Er suchte den Schatten, eine unauffällige Zuflucht, eine jener provinziellen Schenken, in denen man einem schweigsamen Reisenden keine Fragen stellt, solange er in gutem königlichem Geld bezahlt. Unter dem Aushängeschild einer schlichten Einkehr an der Ecke einer finsteren, von Windböen gepeitschten Gasse stieß er die schwere, eisenbeschlagene Eichentür auf. Der dichte Geruch von Talg, brennendem Rebholz und geschmortem Fleisch schlug ihm wie ein Taumel entgegen.

III. Das schwarze Blut der Hänge und das Fleisch der Tapferen

In der niederen Gaststube wischte der Wirt mit einem Zipfel seiner Schürze über den Ecktisch, an dem der Fremde Platz genommen hatte – den Rücken fest an die Mauer gelehnt, um den Raum zu beherrschen. Picaud sprach kaum zehn Worte. Mit einer kargen Geste verlangte er nach dem, was im offenen Kaminfeuer garte: eine schwere gusseiserne Kasserolle, aus der duftende Schwaden von Rindfleisch stiegen, das lange im Wein der umliegenden Hänge geschmort und mit krossen Speckgrieben, Perlzwiebeln und Waldbeeren gewürzt worden war. Ein Krug aus glasiertem Steingut, gefüllt mit einem herben, tiefdunklen und markigen Beaune-Wein, wurde vor ihm abgestellt, daneben ein Laib Bauernbrot mit dicker Kruste.

Sieben Winter lang hatte seine Nahrung nur aus verschimmelten Bohnen und fauligem Wasser aus den Zisternen der Kasematten bestanden. Der Gegensatz war so gewaltig, dass seine Hände, einst durch Ahle und Pechdraht verhärtet, erzitterten, als er die Zinngabel ergriff. Doch dies Mahl war keine bloße Gaumenlust: Es war eine düstere Liturgie, das blutige Abendmahl eines Mannes, der den Geschmack der lebendigen Welt wiedererlernte, um desto sicherer den Tod in ihr zu säen. Jeder Bissen dieses zarten Fleisches schien seine von Ketten zermürbten Muskeln zu stählen; jeder Schluck des dichten, fleischigen Weines, der seine ausgedörrte Kehle hinablief, wusch die Bitterkeit des Kerkers hinfort und ersetzte sie durch reines Gift. Um ihn her lachten die ortsansässigen Kaufleute lauthals und stießen auf den wiedergewonnenen Frieden an; er aber, reglos wie eine Wachsfigur, musterte sie ohne mit der Wimper zu zucken und kostete in diesem irdischen Gelage den ersten Vorschuss seiner furchtbaren Vergeltung.

IV. Die Metamorphose vor dem Pariser Gewitter

Die Nacht schritt voran, die Kerzen erloschen in Lachen grauen Wachses, und die Stube leerte sich von ihren Zechern. Allein unter den rußgeschwärzten Balken zurückgeblieben, fand François Picaud keinen Schlaf. Er zog das winzige Verzeichnis seiner Racheschwüre aus dem Gehrock und schlug es auf dem von purpurnen Weinflecken gezeichneten Tischtuch auf. Beim Flackern des letzten Dochts zählte er in Gedanken das in seinem Koffer aufgetürmte Gold. Er wusste längst, dass rohe Gewalt nicht genügen würde, um jene Elenden zu richten, die ihm Jugend, Braut und Ehre geraubt hatten. Er bedurfte der Kunst der Verstellung, der Geduld der Spinne und der Freigebigkeit eines morgenländischen Fürsten.

Dort, inmitten der Nebel von Dijon, gesättigt von der Urkraft burgundischer Erde, schmiedete der Verbannte seine endgültige Gestalt. Er würde nicht im Lumpengewand eines Proletariers nach Paris ziehen, um vor bestechlichen Gerichten um Gerechtigkeit zu flehen. Er würde maskiert eintreffen, verwandelt durch die Reichtümer Italiens, unkenntlich unter der Tracht eines geheimnisvollen Dieners oder eines verschwiegenen Geistlichen, bereit, sich bis in das innerste Gemach Loupians einzuschleichen. Als er im Morgengrauen aufstand, um die Zeche zu begleichen, und eine Münze auf dem rohen Holztisch zurückließ, die den Wirt vor Staunen erbleichen ließ, warf Picaud einen letzten Blick nach Süden, wo seine alpinen Ketten schliefen. Der unschuldige Schuster war in den Gräben von Fenestrelle unwiderruflich gestorben; der rächende Schatten, genährt vom dunklen Blut Burgunds, bestieg soeben die Postkutsche nach Paris.